DEUTSCHLANDFUNK Sendung: Feature Dienstag, 04.12.2007 Redaktion: Karin Beindorff 19.15 - 20.00 Uhr "Fern der Heimat verliert man die Scham" Das Massaker von Nanking vor 70 Jahren Von Barbara Geschwinde URHEBERRECHTLICHER HINWEIS Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. ? Deutschlandradio - Unkorrigiertes Manuskript - Atmo: Stadtmauer Nanking John Rabe "Der gute Deutsche von Nanking? Sprecher 1 Bei unserer Rundfahrt durch die Stadt lernten wir den Umfang der Zerstörung erst richtig kennen. Alle 100 bis 200 Meter stießen wir auf Leichen. Zitat von Yoshinori Kobayashi: Sprecher 2 "Eins der frei erfundenen Verbrechen Japans war das Nanking-Massaker. Man wollte damit Japan ein Verbrechen anhängen, dass genau so schlimm war wie die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, bei denen es 300.000 Tote gab." Zitat aus "Jikan" von Hotta Yoshie Sprecher 1 : Hunderte von Menschen sind gestorben. Aber wie bedeutungslos sind diese Worte! Vielleicht löscht die Zahl ja die Begriffsbildung aus. Diejenigen, die gestorben sind, und diejenigen, die von jetzt an sterben werden, sind nicht zehntausende, aber Tote, jeder einzelne. Ansage: Fern der Heimat verliert man die Scham. Das Massaker von Nanking vor 70 Jahren. Ein Feature von Barbara Geschwinde. Atmo: Stadtmauer Nanking Erzählerin: Nanking ist eine grüne Stadt; eingerahmt von vier natürlichen Grenzen. Im Nordwesten fließt der große Strom Jangtse, im Norden liegt der Xuanwuhu-Park mit einem großen See, im Nordosten der Purpurberg. Im Westen und Süden begrenzt der Fluss Qinhuai die Stadt. Ich gehe auf der restaurierten Stadtmauer spazieren: 21 Kilometer sind davon bis heute erhalten geblieben. Vor 70 Jahren ereignete sich innerhalb dieser alten Stadtmauer ein Massaker. Wie viele Menschen damals, während der japanischen Invasion, getötet wurden, darüber streiten Chinesen und Japaner noch heute. Musik Erzählerin: Xianmin Yang führt mich durch seine Heimatstadt. Auf Umwegen habe ich ihn kennen gelernt. Eine Sinologin aus Leipzig hat mich an einen chinesischen Wissenschaftler in den USA verwiesen, der mir dann wiederum den Kontakt zu Xianmin Yang in Nanking vermittelte. Ein offizielles Journalisten-Visum für China hätte ich nicht bekommen und bin deshalb als Touristin hier. Mein Mikrophon muss ich also beim Stadtrundgang in der Tasche lassen. Erst später in einem Park kann ich Xianming Yang ein paar Fragen stellen und seine Antworten auch aufnehmen. O-Ton Xiangmin Yang (engl.) Sprecher 3 Ich glaube in den frühen 80ern oder späten 70ern habe ich das erste Mal vom Massaker gehört. Ich weiß davon aus Büchern oder vielleicht habe ich es auch aus dem Radio aufgeschnappt. Erzählerin: Am Eingangstor der Universität von Nanking bin ich mit Xiangmin Yang verabredet. Für einen Asiaten ist er außergewöhnlich groß, etwa ein Meter und neunzig. Xiangmin Yang ist 48 Jahre alt, hat Geschichte der Internationalen Beziehungen studiert. O-Ton Xiangmin Yang (engl.) Sprecher 3 Ich glaube die Chinesen versuchen, irgendetwas Schlechtes oder Unglückliches aus der Vergangenheit zu vergessen. Wenn die Japaner nicht ihre Schulbücher im Jahr 1982 verfälscht hätten, dann hätten die Chinesen gar kein Aufhebens um das Nanking-Massaker gemacht. Dann wäre darüber bis heute gar nicht so viel publiziert worden. Erzählerin: Als zwischen 1946 und 1948 auch in Tokio die alliierten Siegermächte Prozesse gegen die japanischen Kriegsverbrecher führten, erfuhr die Welt zum ersten Mal vom Massaker im chinesischen Nanking. Doch japanische Historiker und Wissenschaftler diskutierten die Ereignisse weitgehend unter Ausschluss der japanischen Öffentlichkeit. In den 70er Jahren veröffentlichte der Journalist Katsuichi Honda eine Serie von Artikeln über die Gräueltaten, die japanische Soldaten während des Zweiten Weltkriegs begangen hatten - darunter auch in Nanking. Sofort verschafften sich auch die Leugner dieser Verbrechen in Japan öffentlich Gehör. Ein Schulbuchstreit entbrannte 1982 zwischen Chinesen und Japanern und zwischen Koreanern und Japanern. In den japanischen Lehrbüchern wurde zum Beispiel die Invasion als "Vormarsch" und das Nanking-Massaker als "Zwischenfall" bezeichnet. Musik: Bright Sheng "Nanking! Nanking!" Erzählerin: Auch die Opfer der japanischen Kriegsverbrechen haben lange geschwiegen. O-Ton Michael Lackner Nach dem Kriege gab es ein Tabu zwischen beiden Ländern, über nichts mehr zu reden, über alles den Mantel des Schweigens zu legen. Erzählerin: Der Sinologe Michael Lackner. O-Ton Michael Lackner Das Massaker in Nanking durfte ja in China nicht offiziell erwähnt werden. Der frühere Premier Zhou Enlai hat auf Reparationen verzichtet. Also mit anderen Worten, wir haben es eigentlich mit einer staatlich verordneten Kultur des Schweigens zu tun. Alte Leute dürfen in Nanking reden. Ich war letztes Jahr im Oktober an dem Ort der Gedenkstätte des Massakers, sie wird jetzt im Laufe dieses Jahres um das Doppelte vergrößert werden. Wir sehen also, wie die politische Konjunktur einen Anti-Japonismus befiehlt. O-Ton Toshi Maruki (japanisch) Sprecherin 1 In den USA haben wir unsere Tafelbilder über die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki ausgestellt. Erzählerin: die japanische Malerin Toshi Maruki Sprecherin Da wurde ich von den Amerikanern gefragt: "Und wie denken sie über das Nanking- Massaker?" Ich war erschüttert, weil ich davon gar nichts wusste. Als ich dann aus Amerika nach Japan zurückgekehrt bin, habe ich angefangen zu recherchieren und habe zwei Fotos vom Nanking-Massaker gefunden. Eins bei einem Zeitungsverlag und ein weiteres bei einer Friedensinitiative. Darauf waren die von den Japanern getöteten Chinesen zu sehen, die aneinandergereiht dalagen. Daraufhin habe ich beschlossen, ein Bild vom Nanking-Massaker zu malen. Atmo: Maruki-Museum mit Besuchern; jap. Stimmen Erzählerin: Das Künstlerehepaar Toshi und Iri Maruki habe ich schon vor einigen Jahren in ihrem Museum besucht. Es liegt - über eine Stunde von Tokio entfernt - idyllisch zwischen Bäumen, mitten im Grünen an einem kleinen Bach. Toshi Maruki und ihr Mann Iri waren in der japanischen Friedens- und Anti-Atombewegung engagiert. Auf ihren großen Tafelbildern wollten sie den Opfern ein Gesicht geben. Das Bild vom Nanking-Massaker ist vier Mal acht Meter groß und schwarz-weiß. Im Zentrum des Bildes steht ein japanischer Soldat mit einem Schwert, der einem knienden Mann den Kopf abschlägt. Sein Oberkörper ist entblößt. Neben ihm liegen viele Köpfe zu einem Berg angehäuft; im Hintergrund hängen Köpfe, die aussehen, als würden sie von Bäumen baumeln. Am linken Bildrand liegen Menschen. Dahinter stehen weitere Personen in einer Schlange an, die auf ihre Hinrichtung warten. Am rechten oberen Bildrand liegen nackte Frauenkörper. O-Ton Toshi Maruki (japanisch) Sprecherin 1 Was hat die japanische Armee in Nanking getan? Das war uns Japanern gar nicht bewusst. Die Menschen, die sich unser Bild anschauen, sind alle erschüttert. "So etwas soll es gegeben haben?" "So etwas kann es nicht gegeben haben." Manche Leute werden richtig wütend und drohen uns. Dann sage ich: "Ich habe ein Foto davon gesehen", und bringe sie so zum Schweigen. Atmo: Zhongshan Road Erzählerin: Die Gedenkstätte für die Opfer des Massenmordes in Nanking, 1985 eröffnet, ist die erste Anlaufstelle, um sich ein Bild vom Ausmaß und der Brutalität der japanischen Besatzung in dieser Stadt zu machen. Im 70. Jahr nach dem Verbrechen wird das Museum umgestaltet und die Ausstellungsfläche verdoppelt. Aber auch außerhalb des Museums findet die Erinnerung Platz. O-Ton Xiangmin Yang (engl.) Sprecher 3 Es gibt über siebzehn Gedenksteine. Sie sind über die Stadt verstreut. Einer ist beinahe zerstört worden durch Baumaßnahmen, das hat einen Skandal verursacht. Aber diese siebzehn Gedenksteine sind viel weniger bekannt als das Museum selbst. Atmo: Universitäts-Gelände/ John Rabe Haus Erzählerin: Ein weiterer Ort des Erinnerns ist das John Rabe Haus auf dem Gelände der Universität von Nanking. Rabe arbeitete ab 1931 als Chef der Siemens-Vertretung in der chinesischen Stadt. Als die japanische Armee Nanking besetzte, gründete der deutsche Kaufmann mit US-amerikanischen Freunden ein Internationales Hilfskomitee. Im Innern der Stadt errichteten sie eine Sicherheitszone für die chinesische Bevölkerung. Etwa 250.000 Chinesen fanden darin Schutz. Heute ist das John Rabe Haus die Gedenkstätte der Internationalen Sicherheitszone von 1937. O-Ton Xiangmin Yang (engl.) Sprecher 3 Es ist neu eröffnet. Ich glaube, einige Menschen kennen es, weil John Rabe damals viele Chinesen vor dem Tod oder vor Verwundungen geschützt hat. Das Haus ist schon sehr alt und vor etwa fünf Jahren wäre es beinahe von Grundstücksmaklern abgerissen worden. Aber einige Intellektuelle haben protestiert und die Firma Siemens hat beschlossen, das Haus zu restaurieren und ein Museum daraus zu machen. John Rabe hat etwas Gutes getan und sollte in den Herzen der normalen Chinesen weiterleben, insbesondere in denen der Menschen in Nanking. Erzählerin: Die Tagebücher von John Rabe, in denen er akribisch alle Details in täglichen Eintragungen festgehalten hat, waren viele Jahre lang verschollen. Erst vor gut zehn Jahren sind sie bei der Enkelin John Rabes in Berlin gefunden worden. Musik Zitat "Der gute Deutsche von Nanking? von John Rabe Sprecher 1 13. Dezember 1937 Die Japaner haben in der letzten Nacht nur einige Stadttore besetzt, sind aber in das Innere der Stadt noch nicht vorgedrungen. Im Komitee-Hauptquartier angekommen, gründen wir innerhalb von zehn Minuten eine International Red Cross Association, der ich als Vorstandsmitglied beitrete. Unser guter John Magee, der schon seit Wochen mit der Absicht umgeht, diese Assoziation zu gründen, wird Vorsitzender. Erzählerin: Der US-amerikanische Priester und Vorsitzende des Roten Kreuzes in Nanking John Magee ging das Risiko ein, die japanischen Soldaten heimlich bei ihren Gräueltaten aufzunehmen. So entstanden 16 mm Filme über das Nanking Massaker; vermutlich die einzigen Originalaufnahmen, die heute noch existieren. Auf Magees Filmbildern kann man den toten Körper eines siebenjährigen Jungen sehen, der an fünf Stellen mit dem Bajonett aufgespießt worden war oder einen der Überlebenden, den die Japaner für Bajonett-Übungen missbraucht hatten. Zitat "Tokio" von Mo Hayder Sprecherin 2 "Gib sie her. Gib mir die Kamera." Er konnte nicht antworten. Er hatte jegliche Fähigkeit zu rationalem Denken verloren: Er wusste nicht mehr, was passierte. Er sank auf die Knie, seine Arme leicht erhoben, und kippte sacht auf die Seite. Im nächsten Moment war ich bei ihm. Seine Lippen waren blau, die Zähne blutverschmiert. "Nein", flüsterte er, als ich die Kamera aus seinen behandschuhten Fingern nestelte. Seine Augen waren bereits blind, doch er spürte, wo ich war, und tastete verzweifelt nach meinem Gesicht. "Nimm sie mir nicht weg. Wenn du sie mir wegnimmst, wer wird es dann der Welt erzählen?" "Wenn du sie mir wegnimmst, wer wird es dann der Welt erzählen?" Diese Worte haben sich mir ins Gedächtnis eingebrannt. Ich werde sie bis ans Ende meines Lebens nicht vergessen. Wer wird es dann erzählen? Ich starre lange auf den Himmel über dem Haus, auf den schwarzen Rauch, der vor dem Mond wabert. Wer wird es dann erzählen? Die Antwort lautet: niemand. Niemand wird es erzählen. Es ist alles vorbei. Dies ist der letzte Eintrag in meinem Tagebuch. Ich werde nie wieder schreiben. Erzählerin: Die britische Schriftstellerin Mo Hayder erzählt in ihrem 2004 erschienenen Roman "Tokio" die Geschichte von einem Mädchen namens Grey. Es ist besessen davon, einen Film über das Nanking Massaker zu finden. O-Ton Mo Hayder (engl.) Sprecherin 2: Ich habe ein Foto von einem japanischen Soldaten gefunden, der einen Chinesen köpft. Die Bildunterschrift lautete: "Das Nanking-Massaker". Mir wurde klar, dass ich noch nie von einem Nanking-Massaker gehört hatte. Was war das? Also habe ich meine japanischen Freunde angerufen und die gefragt, was in Nanking passiert ist. Und alle haben mir geantwortet: "Keine Ahnung, was in Nanking passiert ist". So erreichte ich den Punkt, an dem mein Interesse wirklich geweckt war, denn sobald mir klar wurde, dass da etwas verheimlicht wird, war das für mich als Schriftstellerin etwas, das ich unbedingt rauskriegen wollte. Erzählerin: Kurz nach dem Massaker war der Schriftsteller Tatsuzo Ishikawa als Kriegsberichterstatter nach Nanking geschickt worden und hatte 1938 eine Erzählung darüber veröffentlicht. Sein Buch "Die lebendigen Soldaten" wurde in Japan sofort verboten. Zitat "Die lebendigen Soldaten" von Tatsuzo Ishikawa Sprecher 2 Hirao packte sie am Kragen und zog sie hoch. Aber sie ließ den toten Körper ihrer Mutter nicht los, bis einer der Soldaten ihr den Arm verdrehte und ihren Körper fortzog. Die Soldaten schleppten das Mädchen raus; ihre Beine schleiften auf dem Boden. Hirao schrie wie ein Verrückter, hob sein Bajonett und stach dem Mädchen drei Mal in die Brust. Die anderen Soldaten nahmen ihre Dolche und begannen, dem Mädchen wahllos in den Kopf, den Unterleib und andere Körperteile zu stechen. Sie war innerhalb von zehn Sekunden tot. Als sie auf dem dunklen Boden wie ein Futon zusammensackte, wehte der Geruch von frischem Blut in die geröteten Gesichter der erregten Soldaten. Der zweite Leutnant Kurata im Schützengraben wusste, was passierte, sagte aber kein Wort. Als die erregten Soldaten spuckend zum Schützengraben zurückkehrten, saß der Feldwebel Kasahara mit gekreuzten Beinen auf dem Boden im Schützengraben und rauchte. Er murmelte mit sichtbarem Lächeln auf den Lippen: "Wirklich, was für eine Verschwendung!" Musik Erzählerin: Vier Monate Gefängnis trug die Erzählung Tatsuzo Ishikawa ein; erst 1945 nach der Niederlage Japans, durfte er seine Geschichte publizieren. Sie wurde jedoch nur von den Amerikanern zu Schulungen verwendet. Erzählerin: Mein Nanking-Reiseführer Xiangmin Yang arbeitet gerade an einer Neu-Übersetzung des vor zehn Jahren erschienenen Buches "Die Vergewaltigung von Nanking" ins Chinesische. Autorin ist die US-Amerikanerin Iris Chang. Dieses Buch, das den Untertitel "Der vergessene Holocaust" trägt, ist umstritten, vor allem wegen der Parallele zum Massenmord an den europäischen Juden und weil es als zu japan- feindlich gilt. Die japanische Übersetzung wurde vom Verlag zurückgezogen - es gab zu viele Drohungen von Rechtsradikalen. O-Ton Xiangmin Yang (engl.) Sprecher 3 Ich kenne Iris Chang besser als viele andere, denn ich habe sie begleitet, als sie hier in Nanking war, um für ihr Buch zu recherchieren. Ich kenne den Hintergrund. Die chinesische Übersetzung ist sehr schlecht, sie hat so viele Fehler. Das ist peinlich und ich möchte es besser machen. Ich bin gebeten worden, das Buch neu zu übersetzen und ich glaube, ich bin der richtige dafür. Wie dem auch sei, in diesem Jahr jährt sich das Nanking-Massaker zum 70. Mal und die Veröffentlichung von Iris Changs Buch "Die Vergewaltigung von Nanking" ist auch zehn Jahre her. Es ist also auch eine persönliche Erinnerung. Erzählerin: Auch der Produzent des Dokumentarfilms "Nanking", Ted Leonsis, wurde durch Iris Changs Buch zu seinem Film inspiriert. "Nanking" wurde in diesem Jahr auf dem unabhängigen Sundance Film-Festival in den USA vorgestellt und ausgezeichnet. Überhaupt scheint zurzeit das Thema "Nanking" im Film Hochkonjunktur zu haben. Mehrere Filme sind in Arbeit. Musik: Bright Sheng "Nanking! Nanking!" Erzählerin: Der chinesisch-amerikanische Komponist, Dirigent und Pianist Bright Sheng hat 1999 "Nanking! Nanking!" komponiert. Auch ihn hat die Lektüre von Iris Changs Buch "Die Vergewaltigung von Nanking" dazu bewogen, sich mit den Ereignissen künstlerisch auseinanderzusetzen. Atmo Jangtse Erzählerin: Am Ufer des Jangtse haben die Japaner 1937 tausende von Chinesen hingerichtet. Das Flussufer hier ist hässlich und lädt kaum zum spazieren gehen ein. Es ist grau, Schrott liegt herum - wie auf einer Müllkippe sieht es hier aus; kein Baum, kein Grün weit und breit. Das Jangtse-Ufer ist kein Ort der Stille. Das gleichmäßige Rauschen des Nankinger Stadtverkehrs ist zu hören; gelegentlich das Schiffshorn eines großen Dampfers auf diesem längsten Fluss Asiens. Die Stadt Nanking hat den größten Containerhafen am Jangtse. Über den Fluss führt heute eine fast sieben Kilometer lange Brücke. Der Jangtse spielt im historischen Bewusstsein der Chinesen eine bedeutende Rolle. Mao durchschwamm beispielsweise während des langen Marsches den Fluss. Die Japaner versenkten, am Tag bevor sie Nanking einnahmen, ein Kanonenboot der US-Armee in dem Strom. Auszug Oper Mei Lanfang Erzählerin: Immer wieder dient der Jangtse als Kulisse für Romane, Theater oder auch für Opern, wie zum Beispiel "Mei Lanfang", benannt nach einem der berühmtesten Peking-Opern-Darsteller. Auf der Bühne spielte Mei Lanfang nur Frauen-Rollen. Die Handlung des Singspiels entwickelt sich vor dem Hintergrund des Massakers von 1937. In Nanking werden auf Befehl des Kommandeurs der japanischen Besatzungstruppen tausende kriegsgefangene Chinesen ermordet. Mei Lanfang steht am Ufer des Jangtse und gedenkt der Opfer. Weil der japanische Kommandeur ein Verehrer seiner Kunst ist, will er den Sänger zwingen, bei der Siegesfeier der Japaner aufzutreten. Mei Lanfang weigert sich, auch wenn er dafür seine Kunst aufgeben muss, die ihm alles bedeutet. Die Regisseurin der Oper: Xinyi Chen: O-Ton Xinyi Chen (chinesisch) Sprecherin 1 Man muss ja sagen, dass die Japaner nicht nur in unser Land einmarschiert sind, sondern auch unsere Kultur angegriffen haben, so dass Mei Lanfang bei diesem großen Thema, des Massakers von Nanking, auch eine Rolle spielen musste. Erzählerin: Opern-Star Mei Lanfang weigerte sich während der gesamten Dauer der japanischen Besatzung aufzutreten. Er ließ sich einen Bart wachsen und damit war es für ihn unmöglich geworden, Frauenrollen zu spielen. Mei Lanfang wich im Leben wie auf der Bühne von seinen Prinzipien nicht ab. O-Ton Xinyi Chen (chinesisch) Sprecherin 1: Die damaligen Schauspieler, auch Mei Lanfang, die konnten noch nicht zu den Waffen greifen und kämpfen, aber sie konnten Widerstand leisten auf ihre Art und Weise, also die Schauspieler haben auf verschiedene Art und Weise Widerstand geleistet. Auszug Oper Mei Lanfang Zitat Mo Hayder "Tokio" Sprecherin 2 Die kaiserliche Armee brauchte nicht lange. Binnen weniger Wochen hatten sie bis zu dreihunderttausend Zivilisten getötet. Als sie fertig waren, so erzählt man sich, brauchte man keine Boote, um von einem Ufer des Jangtse ans andere zu gelangen. Man konnte über die Leichen gehen. Die Japaner waren sehr einfallsreich, wenn es um das Erfinden neuer Tötungsarten ging. Sie gruben junge Männer bis zu den Hälsen im Sand ein und fuhren mit Panzern über ihre Köpfe. Sie vergewaltigten alte Frauen, Kinder und Tiere. Sie enthaupteten und zerstückelten und folterten; sie benutzten Babys als Übungszielscheiben für ihre Bajonette. Man würde von keinem, der jenen Holocaust überlebt hatte, erwarten, dass er den Japanern je wieder über den Weg traute. O-Ton Mo Hayder (engl.) Sprecherin 2: Meine ersten beiden Bücher wurden in Japan veröffentlicht. Und als ich ihnen das Manuskript von Tokio geschickt habe, bestellten sie mich in ihr Büro und sagten: "Wir sind nicht sicher, ob sie das veröffentlichen möchten." Ich fragte: "Warum nicht?? Sie sagten: "Es ist ein sehr gutes Buch, aber auch ein heikles Thema." Ich habe geantwortet: "Ich weiß, dass das Thema sehr heikel ist, aber wir sollten darüber sprechen." Und sie sagten: "Wir denken darüber nach, wenn sie die Zahlen der Opfer, die es in Nanking gegeben hat, ändern." Ich antwortete: "Meiner Meinung nach sind die Zahlen ziemlich exakt. Vielleicht sogar noch etwas zu niedrig angesetzt." Wenn man nach Nanking fährt und nur einen kleinen Teil eines Massengrabes sieht, das entdeckt wurde, bekommt man einen Eindruck von der großen Zahl der Opfer. Also habe ich zu meinen japanischen Verlegern gesagt. "Es tut mir leid. Ich kann die Zahlen nicht ändern.? So ist mein Buch in Japan nicht erschienen und auch die nachfolgenden sind in Japan nicht veröffentlicht. Erzählerin: Die Zahl der Opfer, die viele Japaner so gerne korrigieren wollen, ist nicht mehr genau zu rekonstruieren. Die Unmöglichkeit, präzise Zahlen zu belegen, ist vielen Anlass, das gesamte Massaker zu leugnen. Zu ihnen gehören Professoren und Politiker aller Parteien. Zwischen 150.000 bis 300.000 Menschen wurden damals ermordet. Bereits 1946 schätzte die chinesische Regierung die Zahl der Opfer auf 300.000. An der Gedenkstätte für den Massenmord in Nanking steht deshalb in großen Lettern die Zahl 300.000. Bei den Kriegsverbrecherprozessen in Tokio wurde festgehalten, dass mindestens 200.000 Chinesen von Japanern ermordet wurden. Seriöse Historiker sind sich einig, dass die kaiserliche japanische Armee in Nanking in den Jahren 1937/38 wenigstens 150.000 Zivilisten ermordet und tausende von Frauen und Mädchen während der Besatzung vergewaltigt hat. Musik: Bright Sheng "Nanking! Nanking!" Erzählerin: Neben den Photos, die Chinesen von den Gräueltaten der japanischen Armee aufbewahrt haben, sind auch die heimlich gedrehten Filmaufnahmen von John Magee ein Beweis für die damaligen grausamen Ereignisse. Man kann sie heute in der Gedenkstätte sehen: in Schwarzweiß und ohne Ton. George Fitch war in den dreißiger Jahren Direktor des Christlichen Vereins junger Männer in Nanking. 1938 hat er Magees Filme in die USA geschmuggelt und einigen Mitgliedern des US-Kongresses gezeigt - ohne Folgen. Auch Fitch hat Tagebuch geführt. Tagebuchaufzeichnung von George Fitch: Sprecher 1: Es waren jetzt zwei Monate vergangen, seitdem die Besatzung von Nanking begonnen hatte und die Gräueltaten gingen Tag für Tag weiter. Am 18. Januar kamen zwei Männer zu uns, denen beiden die Arme durchschossen wurden, da sie den Soldaten kein Geld geben konnten; ein weiterer wurde mit einem Kiefer- und Nackendurchschuss ins Krankenhaus eingeliefert, weil er nicht stark genug war, eine schwere Last zu tragen. Waren sie ihre eigenen Unmenschlichkeiten leid oder versuchte die Armee Zeichen von Kontrolle und Disziplin zu zeigen? Ich weiß es nicht. So oder so, ich war drauf und dran Nanking zu verlassen. Ich hatte ein Telegramm bekommen, in dem stand, dass ich vor dem 23. in Shanghai sein sollte. Damit ausgestattet, bekam ich die Erlaubnis, die Stadt zu verlassen. Am nächsten Morgen sollte ich um 6 Uhr 40 mit dem japanischen Militärzug nach Shanghai reisen. Ich war mit einer widerwärtigen Menge von Soldaten in einen Dritte-Klasse-Waggon gepfercht; ein wenig nervös, weil in das Futter meines Kamelhaarmantels acht Filmrollen eingenäht waren. Es war 16mm Negativ Filmmaterial von Gräueltaten; die meisten davon waren im Universitätskrankenhaus aufgenommen worden. Mein Gepäck würde sicher sorgfältig vom Militär untersucht werden, wenn ich Shanghai erreichte. Was würde passieren, wenn sie diese Filme entdeckten? Die meisten Aufnahmen waren von John Magee gemacht. Sie waren so grausam, dass man sie sehen musste, um es zu glauben. O-Ton Hitonari Tsuji (japanisch) Sprecher 4: In der Zeit des Krieges hat es den Befehl gegeben, Filme zu produzieren. Erzählerin: Der japanische Schriftsteller Hitonari Tsuji. Sprecher 4 Der Regisseur, der diesen Auftrag hatte, hat die Anblicke dieser Zeit und die Verzweiflung nicht als das gleiche Warten wiederholen wollen, sondern das in die Sonne hineinprojiziert. Das heißt in dem Roman ist die Realität des Nanking- Massakers enthalten, was in Japan tabuisiert ist. Außerdem ist in meinem Roman auch die Atombombe ein Thema. Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse wünscht sich natürlich niemand, dass sich das 20. Jahrhundert noch einmal wiederholt. Dieses Gefühl teilt auch der Regisseur Inoue. Er möchte das mit seiner Kunst verbinden. Er möchte etwas für die Zukunft einfangen oder aufbewahren. Solche Gedanken hat der Regisseur. Erzählerin: In seinem Roman "Warten auf die Sonne" erzählt Hitonari Tsuji die Geschichte des 80-jährigen Regisseurs Hajime Inoue, der seinen letzten Film dreht. Noch einmal möchte er darin das Licht einfangen, das er an einem Morgen im Jahr 1937 in Nanking gesehen hat. Damals hatte er als junger Assistent Dreharbeiten eines Dokumentarfilms über den japanischen Krieg in China begleitet. Musik Zitat Hitonari Tsuji "Warten auf die Sonne" Sprecher 4: Selbst die Militärs, die auf einer gewissen Menschlichkeit bestanden, schafften es bald nicht mehr, sich dem allgemeinen Wahnsinn zu entziehen. Wir verfolgten die ganze Tragödie von Anfang bis Ende, wir drehten sogar, aber die Aufnahmen durften nie verwendet werden. Durch die grauenhaften Zustände verloren viele Soldaten den Verstand, und die, die ihn nicht verloren, litten fürchterlich. Obwohl Sakata wusste, dass er diese Bilder nicht verwenden durfte, sammelte er weiter Zeugnisse eines Wahnsinns, der jeder Menschlichkeit widersprach. Sakata wirkte damals wie besessen, als ob er sich selbst zum unparteiischen Zeugen des Grauens ernannt hätte. Kida und ich waren noch jung und verspürten sogar eine gewisse Erregung über die vorgebliche Unbesiegbarkeit der japanischen Armee. Sakata hingegen erkannte den Widerspruch zwischen den plündernden Soldaten und den normalen ordentlichen jungen Männern, in die sich diese nach ihrer Rückkehr nach Japan wieder verwandeln würden. Er wollte das Hintergründige der Grausamkeit und des Leids für die Nachwelt festhalten. O-Ton Hitonari Tsuji (japanisch) Sprecher 4: Es gibt tatsächlich ein Vorbild für den Regisseur Inoue. Er hat im Zweiten Weltkrieg den Befehl bekommen, für die japanische Armee Filme zu drehen, die den Krieg verherrlichen. Aber während der Dreharbeiten hat er auch die Leichen dokumentiert und andere schreckliche Dinge gefilmt, um den Japanern zu zeigen, wie bitter der Krieg ist. Ich wollte zeigen, wie großherzig das war, da er sich ja in Lebensgefahr begeben hat. Das lässt sich in der Kunst, dem Film und der Literatur darstellen. Darüber hinaus, 70 Jahre später erinnern wir uns noch an ihn, das ist sein großes Verdienst und darum diente er als Vorbild. O-Ton Shan Sa (französisch): Sprecherin 3 Dieser sino-japanische Krieg hat in den Seelen der Chinesen tiefe Spuren hinterlassen. Erzählerin: Auch auf chinesischer Seite gibt es eine Autorin, die sich mit dem schwierigen Verhältnis zwischen China und Japan beschäftigt. Ihr Name ist Shan Sa. In ihrem Roman "Die Go-Spielerin" erzählt sie die Geschichte eines japanischen Soldaten, der sich während der japanischen Invasion beim Go-Spiel in eine Chinesin verliebt. Dabei sollte der Japaner nur die Chinesen ausspionieren. O-Ton Shan Sa (französisch): Sprecherin 3 In jeder chinesischen Familie gibt es Tote. Bei mir ist es der Großvater väterlicherseits. Er wurde dazu gezwungen, als Soldat in der japanischen Armee zu dienen und man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Vielleicht ist er gestorben - irgendwo als unbekannter Soldat. Die Chinesen haben viel Leid zu verzeihen. Die Japaner ihrerseits erkennen die von ihnen begangenen Kriegsverbrechen nicht an, das ist nach wie vor ein Tabu in ihrer staatlichen Erziehung. Und die japanischen Kinder kennen die Grausamkeiten dieses Krieges nicht. Das verursacht große diplomatische Schwierigkeiten zwischen China und Japan. Ich hoffe, dass mein Roman "Die Go-Spielerin" einen positiven Einfluss auf diese Beziehungen haben wird. Zitat "Die Go-Spielerin" Shan Sa: Sprecherin 3 Ich hasse die Engländer, die zweimal gegen uns Krieg geführt haben, damit sie uns das Opium verkaufen können, das sie bei sich selbst verboten haben. Ich verabscheue die Franzosen, die geplündert, gewütet und gebrandschatzt haben im Sommerpalast, der Perle unserer Kultur. Seitdem in der Mandschurei auf unserem Boden Japan das Gesetz macht, ruft alle Welt nach Fortschritt, nach wirtschaftlichem Wachstum. Ich hasse die Japaner! Bald schon werden sie den ganzen Kontinent besetzt haben, und ihr werdet erleichtert sein, wenn China ausgelöscht ist und sich endlich nicht mehr gegen die Aufklärung sperrt." O-Ton Shan Sa (französisch): Sprecherin 3: Heute gibt es immer noch diese sehr verwickelte Beziehung zwischen China und Japan. Als weltweit größter Investor in China schöpfen die Japaner den riesigen Markt aus und machen hohe Umsätze. Aber die Chinesen, auch wenn sie die japanischen Produkte kaufen, versuchen zu konkurrieren, es besser zu machen als die Japaner. Insbesondere gegenüber den westlichen Investoren. Und darum gibt es auf einmal eine Zusammenarbeit und auch eine politische Konkurrenz. Es ist also immer eine brüderliche, aber auch eine extrem konfliktreiche Beziehung. Atmo: U-Bahn Nanking Erzählerin: Heute ist in Nanking von den Konflikten kaum etwas zu spüren. Japanische Restaurants sind gut besucht, und Produkte aus dem Nachbarland: Autos, Elektrogeräte oder Designer-Mode sind aus dem Straßenbild nicht wegzudenken. In der hochmodernen U-Bahn in Nanking, die erst 2005 eingeweiht wurde, hängen überall Flachbildschirme einer bekannten japanischen Marke, auf denen Werbeclips und Musikvideos laufen. Und dennoch wird der Begriff "Japanische Teufel" immer noch als Synonym für Japaner verwendet. Zitat aus "Tokio" von Mo Hayder Sprecherin 2: "Die Straßen sind nicht sicher. Die Japaner sind Teufel. Riben Guizi." Er sah mit gequältem Blick zu seinem Vater. "Du hast mir gesagt, sie würden nur Soldaten töten. Warum hast du das gesagt?" "Ich habe es geglaubt. Ich dachte, sie würden uns in Frieden lassen. Ich dachte, sie würden uns als Flüchtlinge betrachten." "Flüchtlinge." Er wischte sich mit dem Ärmel die Tränen weg. "Es gibt einen Ort für Leute, die sich Flüchtlinge nennen." "Bei der Universität", sagte ich. "Bist Du dort gewesen?" "Nicht nur ich. Ich war nicht der Einzige, der dort gewesen ist. Die Japaner sind auch dort gewesen. Sie haben sie fortgeschleppt. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Sie waren zusammengebunden." Er bohrte seinen Finger in die weiche Stelle hinter seinem Schlüsselbein. "Sie haben einen Draht hier durchgetrieben und sie zusammengebunden wie - wie eine Perlenkette. Eine Perlenkette aus Menschen." O-Ton Xiangmin Yang (engl.) Sprecher 3: Vielleicht ist es nur eine Gewohnheit. Das wird einfach von Generation zu Generation weitervererbt. Man gewöhnt sich einfach dran und denkt nicht mehr drüber nach. Ich glaube, vielen Leuten ist gar nicht klar, was das bedeutet. Genauso wie wir Ausländer "Lo We" nennen. Das ist auch bedeutungslos. Es heißt "alter Ausländer". Mein Familienname ist Yang und die Leute rufen mich "Lo Yang", also "alter Yang". Das heißt nichts, aber wenn man es wörtlich übersetzt, klingt es respektlos. Das ist alltägliche Praxis. Das ist alles. Erzählerin: Matsui Iwane, der kommandierende Offizier der japanischen Truppen, und der damalige Außenminister Koki Hirota wurden in den Tokioter Prozessen für das Nanking Massaker verantwortlich gemacht, verurteilt, und am 23. Dezember 1948 hingerichtet. Kaiser Hirohito und dessen Onkel Prinz Asaka, die die Befehle erteilt hatten, blieben unbehelligt. Als Mitglieder der kaiserlichen Familie konnten sie nicht vor Gericht gestellt werden. Zitat "Warten auf die Sonne" von Hitonari Tsuji Sprecher 4: Was war denn der japanisch-chinesische Krieg? Die Ignoranz und Brutalität japanischer Militärs, die sich in einen Eroberungsfeldzug stürzten, ohne etwas über China zu wissen. Und die Einsamkeit der japanischen Soldaten, deren körperliche und geistige Kraft vollständig von diesem riesigen Land aufgesogen wurden - das war der Krieg. Erzählerin: Eine japanische Redewendung lautet: "Fern der Heimat verliert man die Scham". In Japan spricht man von einem Panzer der Scham, der die Menschen kontrolliere. Scham empfinden Japaner aber nur, wenn ihre Sünden öffentlich bekannt werden. Die japanischen Soldaten haben geglaubt, dass ihre Verbrechen in Nanking und anderswo niemals in ihrer Heimat bekannt würden. Zitat "Warten auf die Sonne" von Hitonari Tsuji Sprecher 4: Leidvolle und schmerzhafte Erinnerungen auszulöschen ist nicht leicht, auch wenn man es sich noch so sehr wünscht. Sie sind wie Blutflecken, die sich nicht auswaschen lassen. Seit sechzig Jahren ringe ich Nacht für Nacht mit den Alpträumen aus meiner Vergangenheit. Meine Gefühle von damals sind gestaltlos, aber äußerst lebendig. Die Erinnerung an sie ist real, wenn auch nicht greifbar. Manchmal ist mir, als hätten sie sich in ihrer Düsterkeit in ein Lebewesen verwandelt, das mich nicht aus den Fängen lässt. Zitat "Tokio" von Mo Hayder: Sprecherin 2 Wir werden ständig daran erinnert, dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird, doch umgeschrieben wird Geschichte von vielen anderen Gruppen: Revisionisten, Politikern, ruhmsüchtigen Akademikern - und sogar zu einem gewissen Grad von Amerikanern, die versuchten, Japan zu beschwichtigen, da sie in der geografischen Lage des Landes einen strategischen Vorteil im Kampf gegen den Kommunismus sahen. Geschichte kann sich verwandeln wie ein Chamäleon, wird mitunter ein Spiegelbild der Antworten, die von ihr erwartet werden. Erzählerin: Zurück in Deutschland bekomme ich Post von Xianmin Yang, der mich durch Nanking begleitet hatte: Zitat Mail Sprecher 3: Liebe Barbara, zur Eröffnung der nun vergrößerten Gedenkstätte am 13. Dezember, 70 Jahre nach dem Massaker, wird es eine feierliche Zeremonie und ein Symposion geben. Und weil sich die Beziehungen zwischen China und Japan gerade ein wenig verbessern, wird in diesem Jahr ein sehr moderater Ton angeschlagen. Musik Absage: Fern der Heimat verliert man die Scham Das Massaker von Nanking vor 70 Jahren Ein Feature von Barbara Geschwinde Sie hörten eine Produktion des Deutschlandfunks, 2007 Es sprachen: Hansi Jochmann, Daniel Berger, Robert Selbach, Bruno Winzen, Hüseyn Cirpici, Sigrid Bode, An Kuohn und Susanne Reuter Ton und Technik: Eva Pöpplein und Jürgen Hille Regie: Thomas Wolfertz Redaktion: Karin Beindorff Musik 20