COPYRIGHT: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Es darf ohne Genehmigung nicht verwertet werden. Insbesondere darf es nicht ganz oder teilweise oder in Auszügen abgeschrieben oder in sonstiger Weise vervielfältigt werden. Für Rundfunkzwecke darf das Manuskript nur mit Genehmigung von DeutschlandRadio / Funkhaus Berlin benutzt werden. Schreiben in der Blogosphäre Aktuelle Literatur im Internet Musik: Unter O-Ton-Collage legen O-Ton Else Buschheuer: Man wird zum Alltag einer Person, die täglich liest, die möchte eben morgens Kaffee trinken und wieder lesen, wo ich gescheitert bin und was ich geschafft hab. (ca. 10 sec) O-Ton Alban Nikolai Herbst: Das Hauptkennzeichen des Netzes ist Flüssigsein. Es ist flüssig, es fließt, es strömt. Ein fertiges Produkt ( ... ) haben sie eigentlich nicht. (ca. 8 sec) O-Ton Nina Reddemann, CD, ca. bei 7,02 min: Es wird immer Bücher geben. Also da muss sich, glaube ich, niemand Gedanken machen. (ca. 5 sec) O-Ton Kapielski: Für die meisten läuft das ja mit Selbstausbeutung. Die kriegen doch keen Geld dafür. Und da sind natürlich auch viele junge Leute, die da, weil sie nicht gedruckt werden, versuchen da zu reüssieren. (ca. 15 sec) O-Ton Lesung Greta Granderath: "Wenn der Regen aussetzt, schnappt der Kiez nach Luft Im Hof spielen Kinder mit der Abendplanung Kein Fenster hält dicht All die glänzende Elektronik Und der Mottenflug im Flur ... (ca. 12 sec, dann unter Sprecher legen) Sprecher: Ein Literaturabend in Berlin. Greta Granderath und fünf weitere junge Autorinnen und Autoren sitzen an einem Tisch und lesen aus ihren Manuskripten: Gedichte, Geschichten, Betrachtungen. Doch etwas ist anders: Kein Buch wird hier vorgestellt, nichts Unveröffentlichtes präsentiert. Die Texte wurden ausnahmslos für das literarisches Weblog "Reality Live" verfasst. Bei der Lesung wird ein Computerbildschirm an die Wand projiziert, auf dem man die Profile der Autoren nachlesen kann. Fotos werden gezeigt, Kommentare verlesen. Hier wird die virtuelle Realität eines Weblogs auf der Bühne imitiert. Eigentlich absurd, findet Greta Granderath. O-Ton Greta Granderath: "Aber ich fand es sehr gut für mich, weil ich zum Beispiel in der Vorbereitung bei einigen Texten gemerkt hab: Oh Gott, das würde ich normalerweise niemals lesen. Das hätte ich niemals weggeschickt an irgendeine Zeitschrift, wo ich zumindest für mich selber nochmal genau angefangen hab, dieses Format zu reflektieren und was ich da eigentlich mache." (ca. 20 sec) Musik: Sprecher: Längst ist der einfache Verbreitungsweg von Texten und Inhalten durch das weltweite Netz für Schriftsteller interessant geworden. Autoren, die es schätzen, sich spontan und ungefiltert in allen Stimmungslagen zu äußern, nutzen Weblogs, um ihr Leben und ihren Alltag literarisch zu verarbeiten, aber auch um Erlebnisse und Ereignisse, Kunst und Literatur zu kommentieren, zu reflektieren und zu analysieren. Leser erhalten Einblicke in Schreibwerkstätten und Denkweisen und können oft sogar mit den Autoren kommunizieren. O-Ton Alban Nikolai Herbst: "Ich habe im Augenblick fünfzehn- bis zwanzigtausend Zugriffe monatlich. Das ist für so ein spezialisiertes poethologisches Weblog allerhand. (ca. 10 sec.) Sprecher: Seit knapp fünf Jahren betreibt der Schriftsteller Alban Nikolai Herbst ein Blog mit dem etwas rätselhaften, von Rudyard Kipling beeinflussten Namen "Die Dschungel. Anderswelt". Zirka fünf Stunden bloggt Herbst inzwischen täglich. Auf seiner Website veröffentlicht er Opernkritiken, ein Arbeitsjournal, einen Fortsetzungsroman, ästhetische Betrachtungen, medientheoretische Reflexionen, Aphorismen und Elegien in Hexametern. Selbst ein Gerichtsurteil gegen seinen autobiografischen Roman "Meere", der später in einer zensierten Fassung als Buch erschien, hat er mit geschwärzten Namen ins Netz gestellt. Grundsätzlich ist für Alban Nikolai Herbst jede Textsorte für die Netzpublikation geeignet. O-Ton Alban Nikolai Herbst: "Wobei die Texte, die ich in die Dschungel hineinstelle oft auch - oder meistens sogar - erste Fassungen sind. Ich probiere Texte aus, ich verändere sie im Netz. Leser können mitverfolgen, wie ein Text sich tatsächlich verändert über die Zeit. Ja, er kann sogar mitwirken. Es gibt viele, viele Diskussionen. Man kann solche Beiträge, die in einem Weblog sind, kommentieren. Dann gibt es sehr viele Kommentare, Kritiken, Zustimmungen, Vorschläge, wie man etwas vielleicht anders machen sollte. Und das wird auch unter den Lesern ausdiskutiert. Und einiges von dem übernehme ich tatsächlich in den fertigen Text. Das heißt: Ich überarbeite den Text auch mit dem, was ich gehört habe, wo mir die Argumente zu stimmen scheinen, so dass das Ganze einen ganz starken Arbeitscharakter hat, anders als Sie das in Buchform haben, wenn Sie jetzt Gedichte in einem Buch haben, da können Sie nicht mehr viel ändern." (ca. 45 sec.) Zitator: "Das Literarische Weblog steht für ein fortgesetztes, fließendes Denken, das nicht so tut, als wäre es rein." Sprecher: Heißt es in der "Kleinen Theorie des literarischen Bloggens", in der Alban Nikolai Herbst das Medium, in dem er publiziert, mitreflektiert. So wird seine "Dschungel. Anderswelt" quasi zum Gegenstand ihrer eigenen Betrachtung. Zitator: "Eine Poetik zugleich verfassen und s e i n. Unterhalb dieses Anspruchs ist nach Moderne und Postmoderne keine ernstzunehmende ästhetische Theorie mehr akzeptabel." Sprecher: Auch die Lebensumstände des Autors sind in der "Dschungel. Anderswelt" ein immer wiederkehrendes Thema. Schließlich seien sie Teil der Produktionswirklichkeit. Und die wiederum habe Auswirkungen auf die Ästhetik, meint Alban Nikolai Herbst. O-Ton Alban Nikolai Herbst: "Das ist die eine Seite, die für mich sehr wichtig ist, ästhetisch wichtig ist, zu sagen: Nein, ich bin ganz offen. In einem der ersten Partikel der "Kleinen Theorie" heißt es: "sich verwundbar machen." Also nicht sich abschotten, nicht so tun, als wäre man unangreifbar und stünde völlig gesichert da, in der eigenen Genialität befestigt, sondern einfach zeigen, dass dem gerade nicht so ist, sondern sehr vieles aus der Gefährdung entsteht. Auch interessanter Weise eine Beobachtung, die ich immer wieder mache, dass bestimmt feste Positionen sich entwickeln je gefährdeter man in seiner ökonomischen Situation ist. (ca. 40 sec) Zitator: "Das Private und das Öffentliche miteinander zu vermischen, ist geradezu ein Imperativ des Bloggens." Sprecher: In seinem Weblog geht Alban Nikolai Herbst so weit, seine desaströsen Einkommensverhältnisse offen zu legen, so dass jeder Leser an seinem Beispiel verfolgen kann, wie viel - beziehungsweise wie wenig - Geld ein Autor verdient, der nicht bereit ist, sich den Literaturvermarktungszwängen anzupassen. Manchmal mischt sich ein gewisser Galgenhumor in die Auflistung der Einnahmen und Ausgaben. Gelegentlich erfährt man von den Besuchen der Gerichtsvollzieher. Musik: Unter Zitator legen Zitator: "Sie sah sich selbstverständlich um, "Sie arbeiten viel", sagte sie. Dann sprachen wir über die alte DDR und mich protypischen Wessi mitten darin, über erhaltene Bausubstanz, aus Geldmangel erhaltener, über Fassaden und Kachelöfen, über meine Hausverwaltung, die stillhält, wenn ich mal wieder keine Miete gezahlt habe, "ich glaube", erklärte ich, "die m ö c h t e n nicht, dass ich weggeh, sie wissen auch, dass dieser Raum längst ein Literaturort geworden ist, dass er in mindestens drei Romanen eine bedeutende Rolle hat, dass ich zahle, sowie ich zahlen kann"; "Und wenn sie mal zusammenrechnen, auf was Sie in diesem Jahr bislang an Honorar gekommen sind, auf was kämen Sie dann ungefähr?" - die Zahl war beschämend. "Haben Sie ein Auto?" "Seit zehn Jahren nicht mehr, obwohl ich g e r n e Auto fahre... aber wozu - in Städten?"" Sprecher: Um sich finanziell etwas Luft zu verschaffen, kam Herbst auf die Idee, eine Rolle in seinem Roman "Argo.Anderswelt", an dem er seit einigen Jahren arbeitet, beim Internet-Auktionär Ebay zu versteigern. Für bis zu tausend Euro bot er an, eine Nebenfigur nach dem Vorbild des Bieters liebevoll zu gestalten. Höhere Gebote sollten sogar mit einer Hauptfigur belohnt werden. Ein Wiener Künstler ersteigerte sich einen kleinen Platz im Romanwerk Alban Nikolai Herbsts. O-Ton Alban Nikolai Herbst: Ich bin ganz froh, dass es nicht zur Hauptfigur gekommen ist. Es waren irgendwie 650 Euro, die dabei rumkamen. Aber es war ja ganz nett, es waren zwei Monatsmieten. Gut, das sind Einfälle, die man so nebenbei hat, die sich auch aus der Arbeitssituation ergeben. Ich war jetzt ein Jahr in Bamberg als Stipendiat des Künstlerhauses Villa Concordia und das war nicht hoch bemessen vom Salär, und ich musste irgendwie hier die Arbeitswohnung finanzieren, die so das Zentrum meines literarischen Denkens ist. Und da haben sich tatsächlich innerhalb von anderthalb Tagen, als ich das rein geschrieben habe, Leser gefunden, die das übernommen haben. ( ... ) Das hat dazu geführt, dass ich mit einmal das Gefühl hatte, ich schreibe überhaupt nicht ins Leere, sondern ich arbeite tatsächlich für Menschen, denen das so wichtig ist, dass sie gesagt haben: Das übernehmen wir. Die wollen auf keinen Fall darauf verzichten. Auch diesen Aspekt von lebenspraktischer Wirklichkeit kann so etwas, wenn man es konsequent durchzieht, haben. (ca. 1 min) Musik: Sprecher: In der Blütezeit der Popliteratur, Ende der neunziger Jahre, schrieb der Schriftsteller Rainald Goetz eines der ersten literarischen Weblogs, das man in jener Zeit noch Internettagebuch nannte. "Abfall für alle" hieß sein einjähriger Selbstversuch, der 1999 bei Suhrkamp als 850- Seiten-starker "Roman eines Jahres" herauskam. Nur ein Jahr später begann die damalige Pro7-Wetterfee Else Buschheuer, deren erster Roman "Ruf! Mich! An!" gerade erschienen war, im Internet ein Tagebuch zu führen, um direkt mit ihren Lesern kommunizieren zu können. Inzwischen hat sie zwei weitere Romane veröffentlicht, diverse Talk-Shows und Magazine moderiert und vier Jahre in New York gelebt. Ihr Tagebuch führt sie noch immer. Fast täglich. O-Ton Else Buschheuer: "Es gab nichts, was dringend aus mir heraus wollte zu dem Zeitpunkt 2000. Im Gegenteil, ich hatte gar keine Vorstellung, was das ist, was ich da anfange. Ich hab dann gemerkt, dass ich mit sehr schützenden Medienschnurren angefangen habe, so kleine Anekdoten aus der Medienwelt. Der Charakter des Tagebuches hat sich dann immer mit mir geändert. Also heute, würde ich sagen, ist er anders. Das war mir damals auch nicht so wichtig. Das ist mir dann immer wichtiger geworden. Jetzt könnte ich nicht mehr ohne leben. Ich würde sagen, dass ich süchtig bin danach, Tagebuch zu schreiben." (ca. 38 sec) Sprecher: Auch die Kommunikation über das Internet ist für Else Buschheuer inzwischen zu einer existenziellen Angelegenheit geworden. Ohne Internet fühle sie sich wie eine Nierenkranke ohne Dialyse, schrieb sie in ihrem virtuellen Tagebuch. Wenn ihr Rechner streikt und die Netzverbindung unterbrochen ist, schwankt sie zwischen Panik und Selbstironie. Musik: Unter Zitatorin legen Zitatorin: "bin jetzt im internet-café. das macbook ist beim doc. man vermutet einen festplattenschaden. gut, bei mir ja auch. seit jahren schon. man kann auch mit festplattenschaden leben, schmerzlicher immer, aber mitunter origineller als die anderen." O-Ton Else Buschheuer: "Ich hab mich so eingemauert. Meine Telefonnummer ist so geheim, die vergesse ich selber immer, so dass ich ohne das Internet nicht existieren kann. Nicht als freie Journalistin, nicht als Schriftstellerin und auch nicht als Privatmensch. Ich hab erlebt, dass Freundschaften, lebenslange Freundschaften, daran zerbrochen sind, dass die sich nicht auf meine Kommunikationswege einlassen wollten. Die wollten vorbei kommen, mich besuchen, telefonieren. Mittlerweile hab ich Freundschaften, die nur übers Netz laufen, also E-Mails Tag und Nacht mit Menschen, die ich vorher nicht kannte. Aber wenige." (ca. 40 sec) Sprecher: Else Buschheuer benennt ihre Netztagebücher nach den Städten, in denen sie lebt. In ihrem New-York-Tagebuch berichtete sie unmittelbar von den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001. In jener Zeit wollten bis zu 200 000 Menschen täglich wissen, was die Schriftstellerin aus erster Hand zu berichten hatte, und wurden Zeugen einer sehr persönlichen Auseinandersetzung. O-Ton Else Buschheuer: "Da stand ich plötzlich nackt da. Also da habe ich diesen Schriftstellerinnenfernsehsternchenmythos fallen lassen, der sich gerade aufbaute damals, und war irgendjemand, der Angst hatte oder der paranoid ist und leidet. Und das war ganz interessant, viele wollten das nicht hören, dass ich auch nur ein Mensch bin. Die haben gesagt, das gefällt uns nicht mehr. Andere kamen, die sich mit wesentlichen Fragen beschäftigt haben, wie ich zu der Zeit gerade auch. Dann habe ich ein Jahr in einem Tempel gelebt, habe also meine Erfahrungen mitgeteilt vom Tempelalltag, Spiritualität. Da gab es wieder andere, die sich dafür interessiert haben, andere haben sich abgewendet, die haben gesagt: Dir war nichts heilig, dein erstes Buch pisst alles an und plötzlich willst du gut sein und beten und so 'n Zeug." (ca. 50 sec) Sprecher: Seit zirka zwei Jahren lebt Else Buschheuer in Leipzig. In ihrem Netztagebuch schreibt sie von alltäglichen Katastrophen und den Mühen der unausweichlichen Konfrontation mit sich selbst. Fast täglich können die Leser mitverfolgen, wie sie Lebensregeln aufstellt und an Kleinigkeiten scheitert, Medienereignisse kommentiert und als hellwache Beobachterin durch die Welt reist. Else Buschheuer hat in den Jahren einen Ton entwickelt, der trotz seines persönlichen Charakters nicht in Exhibitionismus ausartet. Sie erzählt Anekdoten und kleine Geschichten, die exemplarisch für die Erfahrungen einer urbanen Nomadin im Internetzeitalter stehen. Manchmal gelingt es ihr sogar, das Interesse von der eigenen Person auf andere zu lenken. Musik: Unter Zitatorin legen Zitatorin: "bei uns im haus wohnte eine frau, die war alt, aber quietschvergnügt. immer, wenn sie mich sah, rief sie "hallo meine siese". zuweilen gelang es ihr sogar, mir ein küßchen aufzudrücken. sie war viel unterwegs, machte ein schwätzchen hier, eins da. seit einigen wochen habe ich sie nicht mehr gesehen. heute sprach mich eine frau im fahrstuhl an. ob ich jemanden wüßte, der eine möblierte wohnung mieten wolle, frau sowieso bliebe jetzt im heim. sie bestand darauf, dass ich mir die wohnung ansehen solle, falls ich doch jemanden träfe, der möbliert wohnen wolle, bis die kündigungsfrist abgelaufen sei. so kam es, dass ich durch frau sowiesos helle, freundliche omawohnung lief. mit beklommenen, gemischten gefühlen. alles war so adrett, die tischdeckchen, die vasen. hier hatte sie gesessen und gelacht. jetzt kommt sie nicht mehr her." O-Ton Else Buschheuer: "Der Eindruck des Persönlichen und der Privatheit entsteht dadurch, dass ich einen Ausschnitt meines Tages oder meines Denkens und meines Erlebens beleuchte - das kann genauso Zahnschmerz sein wie Religiosität, Glauben - und dann den Rest aber weglasse. Im Grunde kann niemand, der mein Tagebuch ständig liest, von mir wirklich sagen, was ich für ein Leben führe. Lebe ich mit jemand? Lebe ich allein? Habe ich Kinder, habe ich keine? Im Prinzip verzerrt sich das Bild, also es ist nicht mein wirkliches Ich, das aber wieder koppelt zurück auf mein wirkliches Ich. Also es gibt schon eine Wechselbeziehung zwischen dem virtuellen Ich und - ich sag mal - dem eigentlichen Ich. (ca. 47 sec) Sprecher: Abgesehen von ein paar gescheiterten Versuchen hat Else Buschheuer seit drei Jahren keinen Roman mehr geschrieben. Das Leipzig Tagebuch ist zurzeit ihr einziges literarisches Medium. Manchen Lesern, die Buschheuer liebevoll ironisch "Hasen" nennt, ist es zur täglichen Gewohnheit geworden, Neuigkeiten aus dem Leben der Autorin zu erfahre, wobei die Grenzen zwischen Realität und Fiktion oft fließend sind. Die Personen, die in ihren Aufzeichnungen auftauchen, werden zu literarischen Figuren, die Erlebnisse durch Zuspitzungen und Auslassungen zu Geschichten. O-Ton Else Buschheuer: Manchmal ist es ein Stück, das nehme ich eigentlich einem künftigen Buch weg. Wenn man bestimmte Dinge, Überlegungen oder auch Menschen, die man trifft, wenn man darüber nicht schreibt, dann legt man sie weg und irgendwann steigen sie dann wieder auf wie Moorblasen und sind vielleicht Literatur und werden vielleicht zu einer eigenen Figur in nem Buch. Da merke ich ( ... ), dass ich mir das wegnehme. Ich merke es und kann nichts dagegen tun ( ... ) Es gibt auch Überlegungen vonseiten des Verlags, ob ich dann mir die Leser wegnehme. Das ist zu vergleichen mit 'nem Kinoschauspieler, wegen dem die Leute ins Kino gehen. Der sollte auch aufpassen, dass er nicht in Fernsehserien mitspielt, sonst gehen die Leute nicht mehr wegen ihm ins Kino. Die sehen ihn ja im Fernsehen. Es bekämpft sich gegenseitig. (ca. 48 sec) Musik: Sprecher: Viele Verlage sind der Meinung, dass Texte, die im Internet publiziert wurden, für den Buchmarkt uninteressant sind. Schließlich hat sie ja schon jeder, der sich dafür interessiert, umsonst im Netz lesen können. Die Realität sieht jedoch anders aus. Beide Medien können sich durchaus befruchten. So hat Joachim Lottmann seine Klatschkolumne "Auf der Borderline nachts um halb eins" erklärtermaßen nur als Weblog geführt, um damit Werbung für das gleichnamige Buch zu machen, das man wenige Wochen nach Erscheinen auch als PDF-Datei auf seiner Seite lesen konnte. Auch Else Buschheuers Tagebuchtexte sind in Buchform erschienen. Und Alban Nikolai Herbst wird seinen in Hexametern verfassten Gedichtzyklus "Bamberger Elegien", den er in seinem Weblog bereits zur Diskussion gestellt hat, zur Leipziger Buchmesse im Axel Dielmann Verlag herausbringen. O-Ton Alban Nikolai Herbst: "Es ist so, dass Texte, die im Netz gestanden haben und große Zugriffszahlen hatten, auf dem Markt viel mehr Erfolgsmöglichkeiten haben, weil man das dann eben auch doch noch schwarz auf weiß, also im Grunde den Fetischcharakter haben möchte von Texten, den das Netz ja gar nicht mehr hat ( ... ) Also da ist immer noch dieses Bedürfnis auf der einen Seite nach etwas Taktilem und auf der anderen Seite auch deutlich nach dem Fetisch da. Das ist ja auch in Ordnung, das kann man dann spielen, wenn man das dann in die Ökonomie, also in die Warenkreisläufe gibt." (ca. 33 sec) Sprecher: Dass der Buchmarkt von Internetprodukten durchaus profitieren kann, hat man inzwischen auch beim Hanser-Verlag erkannt. Durch Podcasts, also durch kurze, im Internet abrufbare Audio-Beiträge, sollen neue Leserschichten für die Bücher des Verlages interessiert werden, erklärt Nina Reddemann, die sich um Onlinemarketing und E-Business bei Hanser kümmert. O-Ton Nina Reddemann, CD, ab ca. 3,50: Es ist natürlich so, dass nicht mehr jeder jeden Morgen das Feuilleton liest und wir gerne neue Zielgruppen und andere Zielgruppen erschließen möchten. Dafür sind Podcasts, Blogs und was es auch immer noch in diesem Bereich gibt, ein ganz tolles Mittel. ( ... ) Gehen wir davon aus, Sie haben auch ne Zeitung und in dieser Zeitung ist eine Anzeige von uns drin, die erreicht sie ja auf ner ganz anderen Ebene, auf einer ziemlich sachlichen Ebene. Sie haben das Bild, Sie haben ein paar Informationen noch dazu, aber sie hören zum Beispiel nicht die Stimme des Autors dazu. Und das bietet wiederum der Podcast. (ca. 35 sec) Sprecher: Deshalb hat der Hanser Verlag Interviews mit den Autoren Thomas Glavinic und Arno Geiger häppchenweise ins Netz gestellt. In den Autorengesprächen, von denen weitere geplant sind, erfährt der Podcast-Hörer Folge für Folge mehr über einen der Schriftsteller und dessen Beweggründe beim Schreiben. O-Ton Nina Reddemann, CD, ab ca. 2,30: "Arno Geiger erzählt in einer Folge zum Beispiel, wie dieser kleine Junge, der auf dem Cover von "Es geht uns gut" zu sehen ist, auf dieses Cover gekommen ist, beziehungsweise wer das ist und was das für ihn bedeutet." (ca. 15 sec) O-Ton Arno Geiger (Podcast, Folge 6, ab 0,48): "Da ist gleich vor dem Café "Rüdigerhof" ein großer Parkplatz, wo am Samstag immer der Flohmarkt stattfindet. Und ich hab so ein Faible für Alltagsdinge, und da gehören auch Fotos dazu, Schnappschüsse, Familienschnappschüsse. Ja, und einer dieser Schnappschüsse hat es auf das Cover von "Es geht uns gut" geschafft, das ist dieser vielleicht neun- oder achtjährige Bub, der auf einem Mäuerchen sitzt und ein bisschen griesgrämig dreinschaut." (ca. 30 sec) O-Ton Nina Reddemann, CD, ab ca. 2,47 / 15,27: "Wenn sie dieses Buch dann im Buchladen sehen, ist das natürlich nochmal was ganz anderes, weil sie wissen dann die Geschichte dahinter und haben nochmal eine ganz andere Verknüpfung zu diesem Buch. Also man weckt nochmal mehr Interesse für die Bücher. ( ... ) Das Positive an Podcasts ist natürlich auch, dass man sie hören kann, wann und wo man will, sei es morgens beim Joggen, nachmittags beim Auto fahren, also unterwegs auf dem MP3- Player ( ... ) kann man sich dann ein Interview mit einem Schriftsteller anhören und kann dann zielstrebig in die nächste Buchhandlung joggen, um sich das Buch zu kaufen." (ca. 25 sec) Musik: Sprecher: Auch wenn Verlage wie Hanser die Möglichkeiten des Internets erkannt haben, Schritt für Schritt Podcasts und Videopodcasts ausprobieren und mit Textproben von Romanen sowie gelegentlich mit unveröffentlichten Geschichten über das Netz mehr Aufmerksamkeit für ihre Autoren erlangen wollen, das Medium selbst ist für sie naturgemäß ein Instrument zum Bücherverkaufen. Die Kommentarfunktion , mit der in der Blogosphäre Texte und Beiträge zur Diskussion gestellt werden - bleibt beim Hanser Verlag bislang ausgeschaltet. So können zwar keine unliebsamen Leser- bzw. Hörermeinungen den Werbeeffekt minimieren, andererseits kann man so kaum einschätzen, wie die jeweiligen Podcasts oder Blogbeiträge beim Publikum ankommen. O-Ton Nina Reddemann, CD, ca. bei 11,50: Wir müssen auf die Downloadzahlen gucken. Und die sind dafür, dass es die ersten Projekte waren, für uns ein Anreiz weiterzumachen. ( ... ) Diese Podcasts ohne Kommentare waren halt einfach der erste Schritt. Und jetzt muss halt geguckt werden, wie wir weitermachen. Also bei den nächsten kann es auch schon sein, dass Kommentare zugelassen werden. (ca. 18 sec) Sprecher: Das Kommentieren von Beiträgen ist unter literarischen Bloggern durchaus umstritten. Gerade bei sehr persönlichen Einträgen, können aggressive Kommentare, die sich vor allem auf die Person des Autors oder der Autorin beziehen und nicht auf den Text, verletzend und geradezu schreibhemmend wirken. Oft geht es den Kommentatoren dabei mehr um die eigene Profilierung als um konstruktive Kritik. Auch Alban Nikolai Herbst ist davon nicht verschont geblieben. Dennoch lässt er seine Blogeinträge in der "Dschungel. Anderswelt" weiterhin von der Leserschaft kommentieren. O-Ton Alban Nikolai Herbst: Das geht manchmal ganz weit unter die Gürtellinie, da muss man richtig Nacken haben. Es gab auch Streitigkeiten und Auseinandersetzungen, die dazu führten, dass ich von Lesern dann E-Mails bekam: Ich möchte doch bitte die Kommentarfunktion deaktivieren. Sie wollten nicht immer durch diesen ganzen Müll sich hindurch lesen müssen. Ich hab das nur in den Fällen getan, in denen es ganz weit unter die Gürtellinie ging und ich gedacht hab, also irgendwie argumentieren geht gar nicht mehr. Da habe ich dann, meistens aber auch nur für einen begrenzten Zeitraum, geschlossen. Also da muss man immer sehr genau aufpassen. Es gibt ja im Netz eben auch diejenigen, die ganz bewusst, wo sie nur können, versuchen zu stören. Das gibt es. Aber auch das ist 'ne Herausforderung: Wie integriere ich auch das in das gesamte Werk? ( ... ). Zur Blogphilosophie gehört eigentlich das Kommentierenlassen. (ca. 43 sec) O-Ton Else Buschheuer: "Ich halte nichts davon. Ich halte das für Netzschmarotzertum. Ich hab's mal kurz gemacht nach dem 11.09. in New York. Da hatte ich eine Kommentarfunktion. Da haben sich dann diese üblichen, sich eitel spreizenden Kommentatoren breit gemacht, die überall sind, auf allen Kommentarfunktionen. Das hatte weder mit mir zu tun, noch war's sachlich, noch war's fruchtbar. Das hat mir nicht gefallen. Ich kauf mir doch keine Domain und lass da Leute abrotzen. Das läuft nicht gut in meinem Fall. Sie können ja direkt mit mir Kontakt aufnehmen, das wiederum gibt's bei anderen Tagebüchern nicht. Wenn mir jemand was zu sagen hat und er das für essentiell hält, dann kann er das schreiben." (ca. 43 sec) Sprecher: Wie Else Buschheuer lässt auch der Berliner Schriftsteller Thomas Kapielski die Einträge in sein Weblog unkommentiert. O-Ton Thomas Kapielski: "Das wär mir jetzt noch zu anstrengend. Manchmal gibt's Kommentare, die schickt mir der Verlag. Und dann steht mir anheim, ob ich die veröffentliche. Aber ich veröffentliche keinen. Wenn aber da nette Post ist, dann schreibe ich denen einen Brief zurück. (ca. 15 sec) Musik: Sprecher: Thomas Kapielski kam zum Bloggen wie die Jungfrau zum Kinde. Zweitausendeins, der Verlag, in dem seine Bücher erscheinen, machte ihm eines Tages ein etwas seltsames, doch irgendwie ganz verlockend klingendes Angebot. O-Ton Thomas Kapielski: "Die kamen auf mich zu und haben gesagt, wir wollen unsere Autoren mal hier so befragen, ob die nicht so 'nen Blog machen möchten. Und dann hab ick erstmal gesagt: Wat is ditte denn? Was ist das denn? Block? Blockwart oder was? Dann kamen die sogar, der Chef und so `n Großlektor, die kamen zu mir nach Hause und haben mir das angeboten. ( ... ) Da machste den Blog, und wir bezahlen dir monatlich sozusagen Miete, Strom, Gas. Und das fand ich gut." (ca. 35 sec) Sprecher: Damit ist Thomas Kapielski vermutlich einer der bestbezahlten literarischen Blogger im deutschsprachigen Raum, denn in der Regel ist das literarische Bloggen hierzulande noch immer eine brotlose Kunst. "Writersblog" heißt Kapielskis Seite, die er trotz des monatlichen Zuschusses von Zweitausendeins nicht sehr emsig, aber immerhin regelmäßig mit neuen oder wieder entdeckten Texten bestückt. O-Ton Kapielski: "Obwohl ich überhaupt gar nicht so gerne Blog schreibe. ( ... ) Das ist ( ... ) so Geplauder, das ist so Tagesgeschäft, insofern entspricht das nicht so meiner gewünschten Arbeitsweise, die mehr so auf punktuelle Sorgfalt hinläuft und auch das Zurückhalten möchte, bis es für gut befunden wird. Und dann drucke ich es auch lieber. Aber andererseits motiviert das auch. Man fühlt sich dann verpflichtet. Mir haben schon Kunden gesagt, dass sie merken, dass ich nicht besonders engagiert da den Blog schreibe. ( ... ) Ich bediene den so hin und wieder, hab aber nun durch diesen Zweitausendeins-Blog den Ruf weg, ich sei jetzt so Blogger. Der schreibt Blog." (ca. 55 sec) Musik: Unter Zitator legen Zitator: "Im Archiv rumgesucht und einen Text von 1987 gefunden: Gegenstände heißen nicht Gegenstände, weil sie in der Gegend herumstehen. Vielmehr stellen sie sich gegen uns Menschen, weil wir sie so traktieren. Deshalb stellen sie sich tot, genauso, wie wir uns mit Absicht lebendig stellen. Das Wort 'Schnur' macht wegen der Aussagekraft des darin enthaltenen Wortes 'nur' jeden mit ihr verbundenen Gegenstand schlicht. Bei Aktentaschen ist Sprache nütz, wenn man nicht hineinsehen kann. Bei Abstraktentaschen ist Sprache nütz, wenn man nicht versteht, was sie bedeuten sollen. ( ... ) Nochmal zur Aktentasche: Nicht die Aktentasche hat existiert, bevor sie erfunden wurde, sondern der Tatbestand, dem sie Ausdruck verleiht! Als Hoffnung bleibt die nächste Ziehung der Zottolahlen." Sprecher: Sprachspiele, Leseerlebnisse, kultur- oder kunstkritische Betrachtungen und Alltagsbegebenheiten kann man in Kapielskis Blog lesen. Virtuos wie in seinen Büchern formuliert er auch hier - mal hochphilosophisch, mal hochkomisch. Man könnte meinen, dass über Monate oder Jahre hinweg ein neuer Kapielski-Band - nur bemerkt von einer kleinen, treuen Blogleserschaft - im Netz entsteht. Doch das sieht Thomas Kapielski ganz anders. O-Ton Kapielski: "Ick kann zum Beispiel nicht irgendwelchen allzu zeitverhafteten Quatsch, der in einem Jahr schon keinen mehr interessiert, so was kann man einfach nicht in ein Buch setzen. Da denken wir sowieso immer viel zu aktualitäts- und zeitverhaftet, auch durch den Journalismus. ( ... ) Teilweise formuliere ich auch anders. So 'n Blog ist eben, na ja, so hingeschrieben, wie ein Brief. ( ... ) Bei nochmaligem Reflektieren würde man sagen, ja dit versteht ja jetzt keiner, interessiert das überhaupt jemanden? Musik: Sprecher: Noch ist das Buch als literarisches Medium unangefochten - und wird es gewiss auch noch eine ganze Weile bleiben. Doch so wie sich ein Teil des Feuilletons mit Podcasts und Onlineausgaben bereits ins Internet verlagert hat, erscheint auch immer häufiger Literatur ausschließlich im world wide web. Literaturseiten wie Litblogs.net, Literaturcafé.de oder Turmsegler.net sichten literarische Neuerscheinungen und veröffentlichen neue Texte von Schriftstellern, die vom Literaturbetrieb bislang kaum oder gar nicht zur Kenntnis genommen wurden. So entwickelt sich allmählich ein literarisches Netz außerhalb der etablierten Literaturlandschaft. Blogautoren sind nicht mehr auf Marketingstrategien und Erscheinungsrhythmen angewiesen, sie benötigen keine Fürsprecher, keine Agenten, sondern können ihre Texte schnell und unkompliziert per Mausklick unter die Leute bringen. Ob sie im Internet wirklich interessierte Leser finden, ist eine andere Frage. Die jungen Autoren von "Reality Live" machen sich da keine Illusionen. Ihnen geht es vor allem um den Austausch von Schreiberfahrungen, erklärt Greta Granderath. O-Ton Greta Granderath: "Ich glaub, man muss wirklich sagen, dass wir uns natürlich einerseits alle auch irgendwo Leser wünschen, aber man auch so was davon hat - für sich, für den Austausch untereinander. ( ... ) Ich find das auch irgendwie albern, da jetzt so ein Riesending draus zu machen: Das ist die neue Form, und das ist ne Plattform und ein Riesenaustausch ... Es ist jetzt nicht so, dass andauernd irgendwelche anderen Autoren auf uns zu kommen oder da Kommentare schreiben oder weiß ich was entsteht. Es ist einfach für uns ne neue Form, Dinge auszuprobieren, am Ball zu bleiben, die Texte der anderen mal regelmäßig zu lesen, ohne dass man immer drei Jahre braucht, um einen gemeinsamen Termin auszumachen. Das ist es einfach." (ca. 45 sec) Musik: Links für die Onlineankündigung: http://www.berlinonline.de/tip/club/forum/realitylive/ http://albannikolaiherbst.twoday.net/ http://www.else-buschheuer.de/tagebuch.php http://www.arno-geiger.de/ http://www.zweitausendeins.de/writersblog/kapieski/index.cfm 16