DEUTSCHLANDFUNK Sendung: Feature Dienstag, 06.05.2008 Redaktion: Hermann Theißen 19.15 - 20.00 Uhr Was bleibt von Belgien Über die fortgesetzte Existenz eines Phantoms Von Ansgar Warner und Carsten Würmann URHEBERRECHTLICHER HINWEIS Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. ? Deutschlandradio - Unkorrigiertes Manuskript - Atmo/Musik: Titelmelodie "À la une" Sprecher: 13. Dezember 2006, kurz nach den Abendnachrichten. Die Belgier erwarten eigentlich nichts besonderes an diesem Tag. In Flandern freuen sich die Fernsehzuschauer auf die Übertragung eines Fußballspiels durch den Fernsehsender VRT. Im ersten Programm des französischsprachigen Senders RTBF läuft dagegen die wöchentliche Magazinsendung "Questions à la une". Die Themen an diesem Abend: Die große Arbeitslosigkeit in Wallonien und die belgische Korruption. O-Ton Bye Bye Belgium (Moderator "À la une") Désormais il faut oser cette incroyable question: Va-t-on supprimer les indemnités de chômage? Deuxième question, tout aussi provocante, Les Flamands sont-ils plus corrompus que les Wallons? Übersetzer: In Zukunft wird man nicht davor zurückschrecken dürfen, diese außerordentliche Frage zu stellen: Wird man die Unterstützungsleistungen an Arbeitslose in Wallonien einstellen? Zweite Frage, ebenso provokant: Sind die Flamen korrupter als die Wallonen? Sprecher Plötzlich wird das Fernsehmagazin unterbrochen. Der Bildschirm flimmert. Dann beginnt die "émission spéciale", die Sondersendung zum Ende von Belgien. Musik: Bye Bye Belgium Good Bye, Belgium Are you splitting today, All the children running, we want to stay, usw. Ansage Was bleibt von Belgien - Über die fortgesetzte Existenz eines Phantoms Ein Feature von Ansgar Warner und Carsten Würmann O-Ton (Störgeräusche, Stimme aus dem Off), dann Moderator: Bonsoir à tous, l'heure est grave, excusez-nous pour cette interruption ... Übersetzer: Guten Abend allerseits, entschuldigen Sie diese Unterbrechung, dies ist ein außergewöhnlicher Moment, wir unterbrechen "Question à la une" für eine ganz besondere Nachrichtensendung. Flandern wird einseitig seine Unabhängigkeit erklären, Sie haben richtig verstanden, ein wichtiger Augenblick, um es genau zu sagen: Belgien als solches würde nicht mehr existieren. O-Ton Christian Mauroy: Je venais de Barcelone... Übersetzer: Ich kam aus Barcelona zurück, und konnte das überhaupt nicht verstehen, ich sprach mit meiner Frau, sie war fest davon überzeugt gewesen, dass Belgien sich spalten würde. Ich habe hier einen Kollegen, dessen Vater Historiker ist, und der hat mir erzählt: Mein Vater hat mich in den letzten Jahren zwei mal angerufen, einmal am 11. September 2001 und dann am Abend der Sendung von "Bye Bye Belgium", um mir zu sagen, hör Dir das an: Flandern hat gerade seine Unabhängigkeit erklärt. O-Ton "Bye Bye Belgium: François de Brigode Telephonklingeln On me confirme d'ailleurs à l'instant par téléphone que des événements de la plus haute importance se déroulent. Nous allons retrouver toute suite en direct Frédéric Gersdorff. Il est aux abords du palais Royal en pleine c?ur de Bruxelles...Frédéric, que se passe-t-il pour l'instant? Übersetzer: Ich bekomme gerade die Bestätigung per Telephon, dass sich hier Ereignisse von höchster Wichtigkeit abspielen. Wir werden jetzt live mit Frédéric Gersdorff sprechen. Er ist am Eingang des Königspalastes im Zentrum von Brüssel. O-Ton "Bye Bye Belgium: Frédéric Gersdorff: Eh bien François, c'est un véritable coup de tonnerre ici au palais royal. Il se murmure, c'est encore seulement un murmure, mais qu' Albert II projetterait de se déclarer dans l'impossibilité de régner, suite à cette vous avez parler à savoir... cette décision que le parlement Flamand prendrait de façon imminente, une décision avec lequel le roi Albert II est en total désaccord. Übersetzer: Nun, Francois, man ist hier im Königspalast wie vom Donner gerührt, man berichtet hinter vorgehaltener Hand, dass König Albert II erklären wird, dass es ihm unmöglich sei weiter zu regieren, in Folge dieser unmittelbar bevorstehenden Entscheidung des flämischen Parlamentes, eine Entscheidung, die der König vollkommen ablehnt. Atmo BBB (Ansage in der Straßenbahn am Stadtrand von Brüssel) Votre attention Mmes & Mss. Ce soir ... Übersetzung: Achtung, meine Damen und Herren, heute Abend fährt diese Straßenbahn aufgrund einer Entscheidung des flämischen Parlaments nicht mehr über die Stadtgrenze. Bitte entschuldigen Sie diese Unannehmlichkeiten. Vielen Dank. Sprecher: Eingespielte Berichte zeigen die Konsequenzen der Spaltung, zum Beispiel in einer kleinen Polizeiwache in Flobecq, auf niederländisch Vloesberg, irgendwo an der Sprachgrenze, der frontière linguistique. Man ist just in dem Moment vor Ort, als das Fax mit der unglaublichen Nachricht von der Bundespolizei eintrifft. Atmo BBB (In einer Polizeiwache an der Grenze zwischen Flandern und der Wallonie): Nous étions au commissariat ... où l'incroyable nouvelle est tombé. P1:Regarde, ce fax qui vient d'arriver du fédéral, c'est la fin de la Belgique. Non, non, écoute, je eine plaisante pas. On nous demande de contrôler la frontière linguistique P2: Merde. On nous demande de faire quelque chose de particulier? P1: Oui on doit contrôler la frontière linguistique. P2: Oui commissariat, c' est pas un canular? Non, vous confirmez, oui, okay. Dites, on va quand même pas mettre le gilets par-balles? Ils vont pas nous tirer dessus, quand même!? Übersetzer Polizist 1: Hier, dieses Fax ist gerade angekommen, von der Bundespolizei, mit Belgien ist es vorbei ... Wir sollen jetzt die Sprachgrenze kontrollieren. Polizist 2: Verlangt man irgendetwas Spezielles von uns. Polizist 1: Ja, wir sollen die Sprachgrenze kontrollieren. Polizist 2: Ja, Herr Kommissar, Guten Abend. Sie sind informiert? Das ist kein Scherz?... Nein, Sie können das bestätigen. Okay, aber wir müssen doch wohl nicht unsere kugelsicheren Westen anlegen? Man wird doch trotz allem nicht auf uns schießen? Musik Sprecher: Merkwürdig ist an diesem aufregenden Abend allerdings: Im flämischen Teil des Landes bleibt alles ruhig. Doch warum wissen ausgerechnet die Flamen nicht Bescheid, obwohl von ihnen ja die Spaltung des Landes ausgeht? Die Antwort ist einfach: Das Ende Belgiens ist ein reines Medienereignis, ein totales Fake, das der französischsprachige Sender vorab produziert hat. Das "Bye Bye Belgium" genannte Projekt ist unter großer Geheimhaltung vom RTBF-Journalisten Philippe Dutilleul monatelang vorbereitet worden. O-Ton Dokumentation zu BBB, Philippe Dutilleuil: On s'est dit la meilleur façon de poser ce problème ... Übersetzer: Wir sagten uns, die beste Art und Weise, die Sache aufzubereiten, konnte nicht sein, wieder das ganze bekannte Drum und Dran des gemeinsamen Problems zu präsentieren, sondern einfach mal zu sagen: Die Situation ist da: Was passiert nun, was machen wir? Welche sind die ganz konkreten Folgen, für die Politik, aber auch für die Menschen. Sprecher: Wer genau hingeschaut hatte, konnte eigentlich nicht auf "Bye Bye Belgium" hereinfallen. Bereits zu Beginn der Sondersendung gab es eine kurze Einblendung: "Ceci n'est peut-être pas une fiction" war da zu lesen. "Dies ist vielleicht keine Fiktion". Im Verlauf der Sendung wurde die Warnung präzisiert: "Ceci est une fiction!", "Dies ist eine Fiktion!" Doch die Warnung hat nicht gewirkt. Für den Sozialpsychologen Vincent Yzerbyt ist das keine große Überraschung. O-Ton Vincent Yzerbyt: Comme canular c'est toujours comme ça. ... Übersetzer: Bei einem Fake ist das immer so. Wenn Sie sich noch einmal die berühmte Radiosendung über die Invasion vom Mars anhören: Wie ist es möglich, dass Millionen Menschen daran glaubten und sich auf die Straße der Vereinigten Staaten stürzten? Hinterher ist es immer einfach zu sagen: Aber man hätte das doch sehen müssen, dass das eindeutig gestellt war. Ich denke, die Journalisten wussten in diesem Fall sehr gut, wie man mit den richtigen Signalen die Bevölkerung dazu bringt, daran zu glauben. Es gab sehr symbolträchtige Sachen, der König, der verstimmt ist und kurz davor ist, das Land zu verlassen, Dinge, die man inszenieren kann, und ich würde sagen, paradoxerweise ist es so: je krasser, je gröber, je karikaturhafter man es macht, um so besser funktioniert es. O-Ton Michel Fugain (Lied) Qui c'est qui est tres gentil Les Flamands! Qui c'est qui est très méchant? Les Wallooons! O-Ton BBB (Kommentar Geschäftsmann): Chaque fois que je passe la frontière linguistique ... Übersetzer: Jedes Mal, wenn ich die Sprachgrenze überquere, sehe ich, dass auf der niederländischsprachigen Seite überall gebaut wird. Und in der Wallonie? Ich denke, dass der niederländischsprachige Flame weniger schwierig ist, er ist arbeitsamer. Der Wallone hat eine ganz schlechte Arbeitsmentalität, das ist ein Sozialist, aber noch sozialistischer als die Sozialisten. Lied Michel Fugain: C'est Travail Famille Patrie Les Flamands. C'est la retraite à vingt ans Les Wallons. Sprecher Der Streit zwischen niederländischsprachigen Flamen und französischsprachigen Wallonen tobt seit Jahrzehnten. Längst geht es dabei nicht mehr nur um Sprache und Kultur, er speist sich auch aus der ökonomischen Entwicklung des Landes. Dominierten einst die durch Kohle und Stahl reich gewordene Wallonie und die französische Sprache Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft Belgiens, so hat sich das Verhältnis nach der Krise der Schwerindustrie und den Boom des Dienstleistungssektors vollkommen umgekehrt. Nun fließen die Mittel aus der prosperierenden Küstenregion in den daniederliegenden Süden. Die Flamen argwöhnen, sie müssten eine von Korruption und Misswirtschaft geprägte Region finanzieren, in der die wallonischen Dauerarbeitslosen überhaupt keinen Anreiz mehr sähen, sie wieder um Arbeit zu bemühen. Übersetzer/Übersetzerin (Verkaufsgespräch): Sprecher männlich: Ich suche einen Trainingsanzug. Sprecher weiblich: Ja. Sprecher männlich: In weiß. Sprecher weiblich: Weiß. Sprecher männlich: Für eine Hochzeit passt das doch wunderbar, oder? Sprecher weiblich: Ist das eine coole Hochzeit? Sprecher männlich: Ja, ja, cool ... Sprecher weiblich: Na ja, Leute im Trainingsanzug ... Sprecher männlich: Das ist für eine Hochzeit in Charleroi. So denkt man sich das zumindest in Flandern. Sprecher weiblich: Ach ja? Sprecher männlich: Stimmt das nicht? O-Ton ("Jan&Jean") Verkaufsgespräch Kunde und Verkäuferin: Jan: Je cherche un training. Verkäuferin: Oui. J.: En blanc. V.: Blanc. J: Je pense pour un mariage c est bien comme ça, hein? V: C est un mariage cool? J: Oui, oui, cool... V: Les gens en training... J: C est un mariage à Charleroi. C'est ça qu'on pense en Flandre, en tout cas. V:Ah! J: C'est pas vrai? Lied Michel Fugain: Qui c'est qui vend des fusils Les Flamands Qui c'est qui s'retrouve devant Les Wallons Sprecher: So heftig der Streit zwischen Flamen und Wallonen auch scheinen mag: Bisher konnten alle Konflikte am Ende mit einem Kompromiss beigelegt werden. Doch der zunehmende Erfolg der rechtsextremen Parteien - vor allem des Vlaams Belang - hat die Spielregeln verändert. Mittlerweile fordern auch die gemäßigten flämischen Parteien die weitgehende finanzielle Entkopplung beider Landesteile. Viele Wallonen machen sich deshalb Sorgen um die Zukunft ihres Landes: für sie klingen die Forderungen der anderen Seite nach einem ersten Schritt zur Abschaffung des einheitlichen Staates. Völlig unbegründet sind die Befürchtungen nicht. Belgien, so prophezeien es jedenfalls die Separatisten, werde sich eines Tages auflösen wie eine Tablette Aspirin im Wasser. O-Ton ("Jan&Jean") Frau auf der Straße: Ik denk als de walen nederlands praten is er geen probleems... Übersetzerin: Solange die Wallonen Niederländisch sprechen, gibt es keine Probleme... Lied Michel Fugain: Qui a tout les premiers prix? Les Flamaands! Qui roupillent au dernier rangs? Les Wallons! O-Ton (Jan&Jean) Frau auf der Straße: [Wij gaan naar] de winkel en wij vraagen iets en ze antwoorden ons in Frans, voor banalen Dingen! Übersetzerin: Wir gehen in einen Laden und wir fragen etwas und sie antworten uns auf Französisch, bei ganz einfachen Dingen. Lied Michel Fugain: Ils crèveront le cul béni Les Flamands Ils crèveront le c?ur content Les Wallons Sprecher: Neben all diesen Klischés gab es noch eine andere Voraussetzung für den Erfolg von "Bye Bye Belgium": die geteilte Medienöffentlichkeit. O Ton Klaus Haas: Ich als Journalist hätte gleich zum anderen Fernsehsender rübergewechselt und hätte mich da überzeugt, ob dass, was da behauptet wird, auch stimmt, und hätte sofort feststellen können, dass es in Flandern in keinem Fernsehsender, auf keiner Radioanstalt auch nur als Meldung auftauchte. Und das war für mich und für viele Flamen und auch für viele gebildete Frankophone und Wallonen doch schon eine seltsame Erfahrung: dieses Unwissen, dieses nicht existierende Interesse an dem, was gegenüber, bei der anderen Sprachgruppe, passiert, um sich da mal mit eigenen Augen ein eigenes Bild davon zu machen. Sprecher: Klaus Haas ist Mitarbeiter des flämischen Rundfunks VRT. Der Brüsseler Fernsehturm wird hämisch der "Turm von Babel" genannt: er dient sowohl dem flämischen VRT wie auch dem wallonischen RTBF zur Ausstrahlung ihrer Programme. Auch im Fernsehgebäude wird das typische belgische Living apart- together praktiziert. Es gibt einen Eingang, aber zwei Pförtner. Die Grenze verläuft mitten durch das Gebäude. O-Ton Klaus Haas: Also wenn ein VRT-Journalist und ein französischsprachiger Journalist bei der selben Politikergeschichte zugange sind und der eine hat's Bild nicht, der andere wohl, wird das ohne weiteres ausgetauscht. Diese Kollegialität ist vorhanden. Aber: Die Verarbeitung der Information ist grundverschieden. Weil auch die Sichtweise auf die jeweilige Realität eine völlig andere ist. Ein schönes Beispiel ist: Man sollte sich hier mal die Mittagsnachrichten anschauen, bei der VRT und bei der RTBF. Da hat fast jeder Belgier das Gefühl, dass er in zwei verschiedenen Ländern wohnt. Das betrifft, was an Themen angeboten wird, das betrifft die Gewichtung der Themen und das betrifft auf jeden Fall auch die Aufbereitung der Themen. Sprecher: Ein ähnliches Problem gibt es bei den Printmedien. Man kann zwar am Zeitungskiosk in Flandern französischsprachige Zeitungen kaufen, doch wer liest sie? Was würde man in ihnen über Flandern erfahren können? O-Ton Klaus Haas: Es gibt kein übergreifendes Medium mehr. Es gibt kein Medium, das genauso einflussreich wäre und genauso gelesen würde in beiden Landesteilen, das gibt es einfach nicht. Da ist die Trennung perfekt. Als es noch eine französische Oberschicht gab, die auch in Flandern dominant war, wurde deren Zeitungen im ganzen Land gelesen. "La Libre Belgique", oder "Le Soir", das waren die Zeitungen, die wurden von der französischsprachigen Bourgeoisie in beiden Landesteilen genauso gelesen. Sprecher: In den Wochen und Monaten nach der Ausstrahlung von "Bye Bye Belgium" war die Rede von einem "Choc Salutaire". Hatte die Sendung wirklich einen "heilsamen Schock" ausgelöst? Zumindest diskutierte man wieder gemeinsam über die Probleme des Landes. Die Redaktionen von Le Soir und De Standaard sind dafür ein besonders gutes Beispiel: die Chefredakteure Peter Vandermeersch und Beatrice Delvaux führten einen öffentlichen Dialog: O-Ton BBB (Chefredakteure Standaard & Le Soir) Peter Vandermeersch: J'etais faché. J'ai écrit un article dans ... Übersetzer: Ich war sauer und ich schrieb im "Standaard" einen Brief auf Seite 3 unter dem Titel, - auf Französisch - Wir haben es satt, wir haben sie satt, die Klischees über Flandern, über die Flamen, über die Neonazis usw. usw. Beatrice Delvaux (Le Soir) Moi je l'ai lu et franchement mon sang... Übersetzerin: Ich habe das gelesen und ganz ehrlich, ich sah rot und zahlreichen Menschen in meiner Umgebung ging es ebenso. Also haben wir einen Artikel auf die Seite eins gesetzt, ein Brief an unsere flämischen Freunde, in dem wir schrieben, dass auch wir die Nase voll hätten von den Klischees, dass wir angeblich nicht zweisprachig seien, dass wir nicht mal versuchten zweisprachig zu sein, dass wir faul sind, nicht mobil ... Sprecher: Der offene Brief war so etwas wie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. "Le Soir" und "De Standaard" legten für einen Monat ihre Redaktionen zusammen. Der Titel der ersten gemeinsam konzipierten Ausgabe hieß: "Die Nord-Süd- Konfrontation". Darunter stand in beiden Zeitungen das Ergebnis einer Umfrage: 90 Prozent der Wallonen, aber auch der Flamen wollen am belgischen Staat festhalten. Die Politiker schienen solche Signale jedoch nicht verstanden zu haben. Nach den belgischen Parlamentswahlen im Sommer 2007 konnte man sich neun Monate lang nicht auf eine neue Regierungskoalition einigen. Zu weit lagen die Positionen der flämischen und wallonischen Parteien auseinander. O-Ton "Bye Bye Belgium" Avec la crise qui existe depuis quelque mois, on est tenté de voir un écho de BBB dans l'actualité. La fiction eine semple plus aussi improbable [Demonstrationslärm aus Brüssel] Pour certains, le docu-fiction de l'RTBF est responsable de cette escalade dans les tension communitaires. Übersetzer: Angesichts der seit mehreren Monaten andauernden Krise ist man versucht, in den aktuellen Ereignissen eine Nachwirkung von "Bye Bye Belgium" zu sehen. Die Fiktion erscheint nicht mehr so unwahrscheinlich. Einige machen sogar die Sendung selbst für die Eskalation der Spannungen zwischen den Regionen verantwortlich. Sprecher: Doch zugleich konnte man in Belgien etwas für dieses Land sehr ungewöhnliches erleben: Mehr und mehr belgische Fahnen tauchten in der Öffentlichkeit auf. Schließlich wähnte man sich fast in einem belgischen Sommermärchen: In Brüssel, in Wallonien, in Flandern, überall hängte man die schwarz-gelb-rote Trikolore aus dem Fenster. Es gab sogar Demonstrationen für den Erhalt des Staates. Atmo Marsch für Belgien, Nov. 2007 Demonstrationslärm Megaphondurchsage: Assez de l extrémisme, assez de l extrémisme, et du rôle dangereux joue par certains media! Jubelrufe Megaphondurchsage: Genoeg extremisme, genoeg separatisme, genoeg confederalisme, genoeg spelletjes van de media! Jubelrufe Sprecher Belgischer Patriotismus: Das war nun wirklich etwas Neues. Zuvor waren die Belgier eher durch eine kühle Distanz zu allem Nationalen aufgefallen. Der niederländischsprachige belgische Schriftsteller Geert van Istendael hat diese nationale Enthaltsamkeit einmal in eine merkwürdige Liebeserklärung an sein Land verpackt. Zitatstimme: "Ich liebe Belgien, weil seine Bewohner gottseidank nicht unter Patriotismus leiden. Ich hasse Belgien, weil seine Bewohner überhaupt keinen Nationalstolz besitzen." Sprecher: Belgisch zu sein, das kam einem Paradox gleich: man wusste zwar, woher man kam, aus Namur, Lüttich, Gent, Brügge oder Brüssel. Und fühlte sich auch als Europäer. Aber dazwischen blieb eine merkwürdige Leere. Auf nationaler Ebene definierten sich die Belgier nicht durch das, was sie waren, sondern durch das, was sie auf jeden Fall nicht waren. Belgien, das Land ohne Eigenschaften, war also belgisch, weil es nicht französisch, niederländisch, oder etwa deutsch war. Man erfand für diese merkwürdige Nicht-Identität sogar einen eigenen Begriff: die "Belgitude". Eine Eigenschaft, die José Fontaine, einer der wenigen Verfechter einer unabhängigen wallonischen Republik, als Ausbund eines Nichtseins geißelt: Zitatstimme: "Das ist Belgitude, die Vorstellung, dass belgisch sein bedeute, die Identität der Nicht-Identität zu besitzen, des Kleinseins, des Unbedeutendseins, ohne besonderen Gehalt, mittelmäßig, hybrid ... die Identität aller Untugenden, zu denen man sich als solche bekennt, wird angenommen und derzeit zur belgischen Herrlichkeit erklärt. Das ist im übrigen nicht nur die Negation der Wallonie, es ist die Negation jedweder Zugehörigkeit, die Akzeptanz der Leere, des Sinnlosen, der Irrfahrt, des Nirgend- Orts, die Leere, als wäre sie allein für sich genommen die Vollkommenheit." Sprecher: Höchste Zeit also für eine Bestandsaufnahme. Denn ein paar Dinge gibt es schon, über die sich die Belgier bisher definiert haben. Oder nicht? O-Ton Klaus Haas: Gibt's die noch, das ist die Frage. Die gibt's im Urlaub, als Tourismusangebot, die gibt's als Gastronomieangebot, als Bierangebot, da teilt man ungefähr die gleichen Werte, da teilt man sehr viel, über die Sprache hinweg, weils da eine gemeinsame Ebene gibt. Sprecher: Doch abgesehen von Skigebieten in den Ardennen, den Strand von Knocke, Fritten mit Sauce und Bier mit Erdbeergeschmack, was ist da noch? Gibt es zum Beispiel eine gemeinsame belgische Literatur? O-Ton Klaus Haas: Man liest sich nicht. Der Flame liest keinen Pierre Mertens und umgekehrt wird auch ein Van Istendael und ein Hugo Claus existiert nicht. Sprecher: Ganz stimmt das allerdings nicht. Denn es gibt eine Persönlichkeit, die kennt Leserinnen und Leser in ganz Belgien. Atmo: Titelmelodie Tim&Struppi/Filmsequenz Tim und Struppi: - Einen schönen guten Tag, Madame. - Guten Tag, meine Herren Detektive. - Ist Monsieur Tim zu Hause? - Nein, er ist eben weggegangen, aber er wollte in ein paar Minuten zurück sein. Strassengeräusche - Da sieh doch mal: das ist er! - Angenehm, mein Name ist Tim. Hundegebell Sprecher: Tim und Struppi sind wohl nicht nur der bekannteste Populärkultur-Export aus Belgien, sondern werden auch von Flamen und Wallonen von klein auf gleichermaßen begeistert gelesen. Der Brüsseler Zeichner Hergé erfand die Figur des reiselustigen Reporters im Trenchcoat schon 1929. Tim und Struppi nahmen die Leser mit in das Land der Sowjets, in den Kongo, nach Tibet und sogar ins Weltall. Für die französischsprachigen Leser heißt die Serie natürlich nicht "Die Abenteuer von Tim und Struppi", sondern "Les Aventures de Tintin et Milou."! Atmo Tintin: - Enchanté, moi c'est Tintin, je suis reporter. Sprecher: Und für die niederländischsprachigen Leser heißen die Helden Kuifje und Bobbie, Atmo Kuifje en Bobby: - Zeg, kijk evens, dat is Bobby! - En Kuifje! Sprecher: Annemie d'Haene arbeitet in Gent im Popville, einem Comic-Laden in der Altstadt von Gent. Sie ist selbst mit einem ganzen Haufen unterschiedlicher Comics, mit französisch wie niederländischsprachigen Helden aufgewachsen: O-Ton Annemie D'Haene: Urbanus, Isabelle, Thorgal, Storm, Jommeke... Übersetzerin: Urbanus, Isabelle, Thorgal, Storm, Jommeke, Nero, Tim und Struppi, die Klassiker eben. Eigentlich alles, was mir unter die Finger kam: Manche belgisch, manche flämisch. Hergé war natürlich eigentlich französischsprachig, Nero und Urbanus sind eigentlich flämisch, kann man sagen [...] Also das geht alles natürlich ein bißchen durcheinander. Sprecher: Comics gehören zu Belgien. Hier kann man an mehreren Kunsthochschulen und Akademien die hohe Kunst des Comic-Zeichnens lernen. In Brüssel residiert in einem wunderschönen, sehr repräsentativen Jugendstilbau "Le centre belge de la Bandes Desinées", das "Belgisch Centrum voor het Bildverhaal", mit Museum und großer Bilbliothek. Mittlerweile sind Comics in Belgien zur Schullektüre geworden. Erst vor kurzem erschien unter dem Titel "Laat ze strips lezen!? ein Comic-Handbuch, dass Lehrern Interpretationshinweise gibt und Unterrichtsvorschläge macht. Während jeder Belgier sich sehr gut mit belgischen Comics auskennt, gilt das für andere nationale Symbole offenbar nicht. Bei einer Umfrage wussten vier von fünf Belgiern nicht, warum der 21. Juli der belgische Nationalfeiertag ist. Ein Reporter von RTBF befragte den jetzigen Ministerpräsident Yves. O-Ton RTBF: Reporter: Est-ce que vous, vous savez pourquoi on fête le 21 juillet le 21 juillet? Yves LeTerme: Je crois que c'est la proclamation de la constitution ... Übersetzung Reporter: Wissen Sie warum man am 21. Juli den 21 Juli feiert? Yves LeTerme: Ich glaube, dass ist der Tag, an dem die Verfassung verkündet wurde. Reporter: Nein, das war etwas anderes. Das hat etwas mit Leopold I. zu tun. Yves LeTerme: Das war der Tag, an dem Leopold zum König bestimmt wurde. Reporter: Als er seinen Eid ablegte. Yves LeTerme: Voilà. Reporter: Und die Brabançonne? Kennen Sie die? YLT: Ja, ein wenig. Reporter: Also? Yves LeTerme: Allons enfants de la patrie, le jour de gloire est arrivé,... Sprecher : Einen überzogenen Patriotismus kann man dem belgischen Ministerpräsidenten also genauso wenig wie seinen Landsleuten nachsagen. Doch als Yves LeTerme gegenüber der französischen Zeitung Liberation behauptete, Belgien sei ohnehin nur ein Produkt des historischen Zufalls, ging das vielen Belgiern doch zu weit. Gänzlich zufällig war das Zustandekommen der belgischen Unabhängigkeit im Jahr 1830 nämlich keinesfalls. Der Anlass für die "Révolution belge" war allerdings typisch belgisch: es war ein Theaterskandal, der einer langen Phase von Fremdherrschaft durch Österreich, Frankreich und schließlich die Niederlande ein Ende setzte. Am 25. August 1830 war die Stimmung in Brüssel, durch die Berichte von der Pariser Julirevolution angeheizt. Während einer Aufführung der Oper "Die Stumme von Portici" erregte ein Duett, in dem Worte wie Vaterland, Mut und Freiheit vorkamen, das Publikum so stark, dass es mit dem Ruf "Zu den Waffen" auf die Straße stürzte. Atmo Duettpassage Übersetzer Besser sterben als in solchem Unglück leben! Gibt es für einen Sklaven Gefahr? Es falle das Joch, das uns erdrückt. Unter unseren Schlägen soll das Fremde fallen! Sprecher: Am Ende des belgischen Aufstandes steht die Gründung eines neuen Landes, des Königreichs Belgien. Was auf dem Papier und auf der Landkarte bereits existiert, muss in Wirklichkeit aber erst erfunden werden. Ein Königshaus wurde aus Deutschland importiert. Leopold von Sachsen-Coburg bestieg als Leopold der Erste den belgischen Thron. Als Flagge wählt man eine schwarze-gelb-rote Trikolore, und mit der Brabançonne gab es bald auch eine eigene Nationalhymne. Sie klingt übrigens tatsächlich ein bisschen wie die Marseillaise. O-Ton Brabançonne, überblenden in Aufnahme von De Vlaamse Leeuw Sprecher : Kaum hatte die Arbeit am Gesamtkunstwerk Belgien begonnen, bekam die belgische Nation bereits Konkurrenz im eigenen Land. Der Schriftsteller Hendrik Conscience veröffentlichte 1839 den historischen Roman "Der Löwe von Flandern". Nicht zufällig geht es in dem Roman um die mittelalterliche "Gulden Sporen Slag", also die Schlacht der goldenen Sporen, bei der in der Nähe von Kortrijk ein französisches Ritterheer durch die flämischen Bürger und Handwerker besiegt wird. Der Antwerpener Henri Conscience war selbst mit Französisch als Muttersprache aufgewachsen. Doch dann wechselte er zum Niederländischen: aus Henri Conscience wurde Hendrik Conscience. Mit dem Bestseller Der Löwe von Flandern begann der lange Weg der Flamen in Richtung kultureller Anerkennung im eigenen Land. Wie lange dieser Weg war, daran erinnert der Schriftsteller Geert Van Istendael: Zitatstimme: "Richter verurteilten noch Anfang des Jahrhunderts flämische Spitzbuben in Französisch, die armen Schlucker kamen ins Loch, ohne auch nur ein Wort des Urteils zu begreifen. Offiziere schikanierten im Ersten Weltkrieg ihre flämischen und wallonischen Rekruten, aber die flämischen umso mehr, denn die wurden bestraft, wenn sie die französischen Befehle nicht verstanden. An Gymnasien und Universitäten wurde Französisch gesprochen, und damit Punktum! Erst 1930, nach hundert Jahren belgischer Unabhängigkeit, wurde an der Universität von Gent Niederländische eingeführt. Bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein war es im Ministerrat verboten, Niederländisch zu sprechen. Heute wird simultan übersetzt." Sprecher: Vor diesem Hintergrund ist eine allgemeine Zweisprachigkeit, wie sie gerade für viele Außenstehende als ein moderner, von interkultureller Toleranz und Offenheit geprägte Lösung des Konfliktes erscheint, eben keine Option. Das musste der Linguist Torsten Leuschner nach zehn Jahren in Belgien lernen. O-Ton Torsten Leuschner: Die Flamen würden es nicht zulassen, weil sie die zumindest prinzipielle Einsprachigkeit Flanderns als historische Errungenschaft betrachten. Es ist auch immer wieder von außen vorgeschlagen worden, dass man Belgien doch einfach zweisprachig machen sollte. Für die Flamen ein offensichtlicher historischer Rückschritt, gerade davon haben sie sich befreit. Die Zweisprachigkeit ist nicht, wie das in vielen west- und vielleicht auch anderen europäischen Ländern gesehen wird, ein Schritt in die Zukunft, aus flämischer Sicht, sondern im Gegenteil es bedeutet die Dominanz des Französischen. Zweisprachig bedeutet für sie faktisch irgendwann mal einsprachig französisch. Sprecher: Belgien erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg ein halbes Dutzend Staatsreformen, die das Verhältnis der Flamen und Wallonen neu festlegten, aber auch den Status der zweisprachigen Region von Brüssel bestimmten, die in Flandern liegt. Als typisch belgisch könnte man bezeichnen, dass der Sprachenstreit nie zu einem Sprachenkrieg ausartete. Für Geert van Istendael ein Grund, um stolz auf Belgien zu sein: Zitatstimme: "Heutzutage hat Niederländisch dieselben Rechte wie Französisch. Es hat sie ohne Mord und Totschlag bekommen. Das ist ein Wunder, und zwar kein kleines. Im ganzen Sprachenkampf [ ... ] gab es zwei Tote, für jede Sprache einen. [...] Zwei Tote sind zwei zu viel, das gebe ich zu, aber unvergleichlich viel weniger als in Nordirland, im Baskenland oder im früheren Jugoslawien. Daher nenne ich auch ohne Zögern das belgische Modell ein leuchtendes Beispiel der Zivilisation für ganz Europa. Es ist ganz sicher nicht elegant oder brillant, aber es hat zwei Eigenschaften von unschätzbarem Wert: Alle Lösungen sind friedlich zustande gekommen. Alle Lösungen sind demokratisch zustande gekommen. Debatten zogen sich endlos in die Länge, Zank und Streit nahmen kein Ende. Aber wir werfen keine Bomben. Dafür machen wir Gesetze, die häufig genug nicht eingehalten werden." Sprecher: Zu den Gesetzen, die sehr strikt eingehalten werden, zählt die Festlegung einer Sprachgrenze. Seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts teilt sie Belgien in eine niederländischsprachige Hälfte im Norden und eine französischsprachige Hälfte im Süden. Mittlerweile gibt es neben dem belgischen Parlament ein flämisches und ein wallonisches Parlament. Die neue Aufteilung des Landes zeigt sich auch in der Sprache der Symbole. Der schwarze flämische Löwe vor gelbem Hintergrund prangt auf dem Wappen der belgischen Region Flandern. Die Region Wallonien wählte als ihr Symbol einen schwarzen Hahn vor rotem Hintergrund. O-Ton Vincent Yzerbyt: En Flandre on a décidé de peindre... Übersetzer: In Flandern hat man entschieden, die Ampelpfähle in den Farben Flanderns anzustreichen. Das scheint keine große Bedeutung zu haben, aber das ist ein nationaler Anspruch, der von Seiten der Regionalregierung vertreten wird. Das grenzt Territorien ab, das sind Grenzen, die man setzt; jetzt gibt es ein Gebiet, in dem die Pfähle diese Farben, und ein anderes Gebiet, in dem die Pfähle andere Farben haben. Atmo SIMS, Eendracht maakt Macht (Pro Belgie Rap) "Eendracht maakt Macht, L'Unité fait la force usw. " Sprecher: Das traditionelle Motto des belgischen Staatswappens liest sich wie ein ironischer Kommentar dazu: "L'union fait la force" - Einheit macht stark. Doch statt Einheit geht der Weg in Richtung verschiedener Regionalidentitäten. Einheitlich sind die Regionalidentitäten allerdings auch nicht: Bei näherem Hinsehen entpuppen sie sich als genauso fiktiv wie die so oft kritisierte Belgitude. Die Merkwürdigkeiten beginnen bereits bei der Sprache. Die Flamen sprechen nämlich gar nicht flämisch, denn das ist eigentlich nur ein Dialekt unter vielen: O-Ton Torsten Leuschner: Wenn es so etwas wie eine Nationalsprache gibt, dann ist es Niederländisch. Das betonen die Flamen auch immer wieder. Im Französischen sagt man meistens: "Le flamand", "ils parlent le flamand", und das empfinden die meisten Flamen als diskriminierend. Sprecher: Obwohl die Wallonen mit überwältigender Mehrheit am belgischen Staat festhalten wollen, hat die flämische Abgrenzungspolitik dazu geführt, dass man sich auch unter der Fahne des gallischen Hahns über Gemeinsamkeiten der eigenen Region Gedanken macht. Das ist aber nicht so einfach, denn auch hier gibt es - wie der Romanist Bart de Francq erklärt - zumindest sprachlich kaum eine Einheit: O-Ton Bart DeFrancq: Er komt nu een gemeenschappelijke waalse identiteit ... Übersetzer: Es entwickelt sich eine wallonische Identität, aber nur als Gegenbewegung zur flämischen Identität. Denn bevor es eine Flämische Bewegung gab, war nie die Rede von wallonischer Identität. Außerdem ist das Wallonische auch nur eine Identität im französischsprachigen Belgien. Wallonisch markiert ungefähr den Streifen von Lüttich nach Luxemburg, wenn man weiter nach Westen schaut, dann sprechen die Leute kein Wallonisch mehr, sondern Champagnois, den Dialekt der französischen Champagne, und noch weiter westlich ist es Pikardisch. Sprecher: Tatsächlich ist auf den zweiten Blick immer alles ein bisschen komplizierter in Belgien. Die Identitäten sind immer in Bewegung, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Jacques Brel war ein französischsprachiger Flame aus Brüssel, der in Paris weltberühmt wurde. Auch wenn er sich in seinen Liedern äußerst kritisch mit der französischsprachigen flämischen Bourgeoisie oder mit der katholischen Kirche auseinandersetzte, widmete er seiner flämischen Landschaft doch wunderschöne Chansons, "Le plat pays" zum Beispiel, im Original auf Französisch, das er aber als "Mijn vlakke land" auch auf niederländisch sang. Oder auch gleich in beiden Sprachen in seinem Lied über Marieke, die er so geliebt hat, damals, irgendwo zwischen Brügge und Gent, in seinem flachen, platten Flandern. Musik: Jacques Brel: Marieke Ay Marieke Marieke je t`aimais tant Entre les tours de Bruges et Gand Ay Marieke Marieke il y a longtemps Entre les tours de Bruges et Gand Zonder liefde warme liefde Waait de wind de stomme wind Zonder liefde warme liefde Weent de zee de grijze zee Zonder liefde warme liefde Lijdt het licht het donk`re licht En schuurt het zand over mijn land Mijn platte land mijn Vlaanderland Zitatstimme: "Was ist flämischer als ein flämisches Lied? Doch wann ist ein Lied eigentlich flämisch? Wann gehört ein Lied zum flämischen Wesen, zum flämischen Kulturerbe? Wenn der Text niederländisch ist? Wenn die Melodie durch einen niederländischsprachigen Bewohner einer flämischen Region komponiert wurde? Wenn der Text auf Flandern Bezug nimmt? Wenn der Text von einem Flamen auf niederländisch gesungen wird? Ist ein französisches Loblied auf Flandern ein flämisches Lied? Wurde über Flandern etwa ein schöneres Lied geschrieben als "Le plat pays" von Jacques Brel? Darf man sagen, das der Dichter, der Komponist nur für Flandern geschrieben hat, dass sein Lied nur von Flamen beeinflußt war, nur von Flamen gehört und gesungen werden soll?" Sprecher: So fragt sich Ludo Dierickx von den belgischen Grünen in einer seiner kritischen Anmerkungen zum Nationalismus in Belgien und im Allgemeinen. Doch es wäre falsch, Belgien nur auf Flamen und Wallonen, auf französische und niederländische Sprache zu reduzieren. Belgien ist nämlich nicht zweisprachig, sondern dreisprachig. Etwa siebzigtausend Deutsch-Belgier leben im Osten Walloniens. Manche nennen sie etwas spöttisch die "bestgeschützte Minderheit" Europas. O-Ton Torsten Leuschner: Man sagt den deutschsprachigen Belgiern nach, dass sie die besten Belgier seien, weil sie nicht nur Deutsch sprechen, also diese dritte Landessprache, die ja sonst kaum eine Rolle in Belgien spielt, verkörpern, daneben natürlich sehr gut französisch sprechen und auch noch in der Schule Niederländisch lernen, und das meistens sehr gut, weil das eine sehr ähnliche Sprache ist und weil es sich in Belgien eben auch lohnt Niederländisch und Französisch zu können. Das ist eigentlich die einzige Bevölkerungsgruppe die systematisch dreisprachig ist, und diese Position nutzt sie manchmal auch im besten Sinne aus, um zwischen den Gemeinschaften zu vermitteln. Sprecher: Die deutschsprachigen Belgier haben noch einen anderen Grund, sich für den Erhalt ihres Landes mit besonderem Engagement einzusetzen: denn sie wissen mittlerweile, was es heißt, das eigene Land zu verlieren, was es heißt, zwischen verschiedenen nationalen Identitäten wechseln zu müssen. Klaus Haas. O-Ton Klaus Haas: Ich erinnere da immer gerne an meinen Großvater, der drei mal die Nationalität gewechselt hat: erst war er Preuße, bis 1920, dann wurde er nach dem Versailler Vertrag Belgier, 20 Jahre später musste er wieder heim ins Reich, und noch mal 5 Jahre später, nach Kriegsende, waren wir dann wieder Belgier und wurden sehr dafür bestraft, dass unsere Muttersprache Deutsch war, und mein Vater, meine Großeltern, viele Deutschsprachige haben darunter gelitten, haben dann aber sich eingenistet in dieses Land Belgien, das ihnen seit den sechziger Jahren auch ihre Sprache anerkannt hat als dritte Landessprache, und man fühlt sich also sehr zu Hause in diesem Belgien, kann sich auch jetzt mit diesem Königshaus zurechtfinden, hat aber immer noch diese Erinnerung im Hinterkopf, was es heißt, das Land wechseln, gezwungenermaßen. Musik Brabançonne Jump Style Mix O-Ton Torsten Leuschner: Ich habe eigentlich persönlich noch nie darüber nachgedacht wie man eine Art Identitäts-Rollback veranstalten könnte, das halte ich eigentlich für unrealistisch. Ich glaube der Weg liegt eher darin, mehrfache Identitäten anzuerkennen. Das liegt in der Linie aller modernen Bewegungen, auch wie Migration und Multikulturalität und so weiter. Musik Brabançonne Jump Style Mix Sprecher: Die Akzeptanz für die Verschiedenheit der belgischen Identitäten könnte paradoxerweise gerade durch die Akzeptanz einer offiziellen Sprachgrenze ermöglicht werden, die einsprachige Gebiete wie Flandern und Wallonien und zweisprachige Gebiete wie Brüssel definiert. O-Ton Vincent Yzerbyt: Et souvent je pense que la réponse... Übersetzer: Häufig lautet die Antwort auf den Zusammenstoß von Kulturen: alles zu einer Grauzone machen und miteinander vermengen. Das scheint nicht in jedem Fall die beste Art der Reaktion zu sein. Jeder muss das Gefühl haben, in seiner Identität angenommen zu sein, sich ihrer sicher sein zu können. Zugleich sollte es Mittel geben, Anteil an der Kultur des anderen zu nehmen. O-Ton Brabançonne Jump Style: Sprecher: Gründe, die jeweils andere Sprache zu lernen, gibt es genug, vor allem für die Flamen. Die Suche nach ihrer eigenen Identität könnte nämlich zu der Erkenntnis führen, dass ein Teil davon nicht niederländisch, sondern französisch kodiert ist: O-Ton DeFrancq: Een goede Idee zal zijn om in elk geval ... Übersetzer: Es wäre ein guter Gedanke, in jedem Fall in Flandern das Französische wieder stärker zu fördern, denn auf französischsprachiger Seite gibt es mehr und mehr Interesse für das Niederländische. In Flandern gibt es nun genau die umgekehrte Entwicklung, in Flandern wird weniger Französisch unterrichtet. Wenn wir aber das verlieren, verlieren wir auch einen Teil unserer Kultur, denn ein großer Teil der flämischen Kultur ist am Ende des 19. und zum Beginn des 20. Jahrhunderts auf französisch überliefert. O-Ton Brabançonne Jump Style Sprecher: Mittlerweile hat Belgien wieder eine neue Regierung. Im Sommer muss sie ihre erste Zerreißprobe bestehen: die nächste Staatsreform liegt auf dem Verhandlungstisch. Manche warnen schon, das Scheitern dieser Reform könnte das Ende von Belgien bedeuten. Doch die meisten Belgier bleiben gelassen. Sie warten auf den nächsten, typisch belgischen Kompromiss. Musik: Les Intrigantes, französische Version des Beatles-Liedes Hello Goodbye: Tu dis oui, je dis non, tu dis court, je dis long, long long, oh non, tu dis Good Bye, je dis Hello, Hello Hello, pourquoi me dis-tu Goodbye je dis Hello, Hello, Hello Absage: Was bleibt von Belgien Über die fortgesetzte Existenz eines Phantoms Ein Feature von Ansgar Warner und Carsten Würmann Es sprachen: Karlheinz Tafel, Frank Meyer, Hans Bayer und Nicole Engeln Ton und Technik: Michael Morawietz und Petra Pelloth Regie: Axel Scheibchen Redaktion: Hermann Theißen Musik Hello, Hello Sie hörten eine Produktion des Deutschlandfunks 2008. 25