DEUTSCHLANDFUNK Sendung: Feature Dienstag, 27.05.2008 Redaktion: Karin Beindorff 19.15 - 20.00 Uhr Sicherheit made in Germany Ex-Soldaten bei privaten Militärfirmen Von Michael Weisfeld Co-Produktion SWR/DLF/SR URHEBERRECHTLICHER HINWEIS Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. ? Deutschlandradio - Unkorrigiertes Manuskript - O-Ton Grube Wenn man so einen Druck, so eine Explosionswelle mal im Gesicht gespürt hat, und weiß, dass die für einen selbst gedacht war, da denkt man ab und zu dran. Das war eine Autobombe, (..) wir hatten die Baustelle gerade erreicht, die war nur einige hundert Meter entfernt, da ging die Bombe hoch, die für uns gedacht war. Giesen Die Zukunft für die Branche ist sehr, sehr gut. Wenn es in der Welt brennt, dann hat die Sicherheitsbranche einen Zuwachs. Jeder noch so tragische Anschlag schürt das Feuer weiter an, (..) was nicht heißen soll, dass wir auf den nächsten Anschlag warten. Grube In einigen Situationen (..) kommen natürlich Bilder hoch, aber nicht so, dass ich schweißgebadet dastehe und am Körper zitter. (..) Es ist wichtig, ( ... ) dass zu verarbeiten, das zu besprechen, das heißt nicht reinzufressen, dazu hat man seine Kameraden, seine Kollegen, mit denen man zusammen sitzt und darüber spricht, auch viel darüber spricht, um diese Sachen zu verarbeitet. Musik Ansagerin: Sicherheit made in Germany Ex-Soldaten im Dienst privater Militärfirmen Von Michael Weisfeld Atmo Auf dem Dach in Nadschaf (Schüsse und Geschrei, auch Gespräche) Erzähler: Nadschaf, die heilige Stadt der irakischen Schiiten am Morgen des vierten April 2004. Vor dem Gebäude der Übergangsverwaltung der Koalition haben sich hunderte von Demonstranten versammelt, Anhänger des Schiiten-Predigers Muqtada al-Sadr. Auf dem Dach: acht Leute der US-Sicherheitsfirma Blackwater, die das Haus bewachen sollen. Eher zufällig anwesend sind einige US-Marines. Viele Demonstranten tragen Waffen, und es beginnt eine Schießerei, die Stunden dauert. Irgendwann fängt einer der Blackwater-Männer an, zu filmen. Das Video steht im Netz. Atmo Holy shit, we get all them fuckers! (..) You are on them! ( ... ) You see that runner in the white shirt, runnling along that wall? (..) He's stopping, now he's running. Erzähler: Offiziell ist Blackwater im Irak, um Repräsentanten und Einrichtungen der USA zu schützen. Offiziell nimmt die Firma nicht an Kampfhandlungen teil. Aber hier, auf dem Dach, kommt ihre tatsächliche Rolle zum Vorschein. Jeremy Scahill, Kriegsreporter und Autor eines Buchs über "die mächtigste Privatarmee der Welt" - wie er Blackwater nennt. O-Ton Scahill Blackwater operators took command over US soldiers. (..) That to me is significant. I'm hearing a lot of stories from US soldiers about Blackwater being very deeply involved in all sorts of operations in Irak. (..) that some US militairy ride around with Blackwater logos in their vehicles and the Blackwater mobile phone number, because they know, if they get in trouble they can call Blackwater and Blackwater will come in. Übersetzer: Blackwater-Leute hatten das Kommando über reguläre Soldaten. Darauf kommt es hier an. Soldaten haben mir berichtet, dass Blackwater an den verschiedensten Militäroperationen im Irak beteiligt ist. US-Soldaten haben das Logo und die Mobil- Nummer von Blackwater in ihren Fahrzeugen, denn sie wissen, wenn sie in eine Klemme geraten, können sie Blackwater anrufen, und Blackwater wird kommen. Atmo Schüsse und Geschrei Atmo Konferenzsaal Erzähler: Ein Saal im Haus der Deutschen Bank, Berlin, Unter den Linden. Die "Alfred Herrhausen Gesellschaft" hat im Herbst 2007 zu einer Konferenz geladen. Titel: "Öffentliche Sicherheit: Staatsmonopol oder marktfähiges Gut?" Einige Referenten sind prominent: Der frühere Innenminister Otto Schily und der Präsident des Bundesnachrichtendiensts, Ernst Uhrlau, Deutschlands oberster Spion. Im Publikum sitzen Verfassungsschutz, Sicherheitsdienste großer Unternehmen, Privatdetektive und Angestellte privater Sicherheitsfirmen. Einer von ihnen ist Dirk Grube von der "Bodyguard Akademie" in Lübeck, einer privaten Sicherheitsfirma. Er ist schlank, trägt ein gut sitzendes dunkles Jackett und auf dem Kopf kein einziges Haar. Ein Leibwächter mit internationaler Erfahrung. O-Ton Grube Ich hab am Strand von Rimini gestanden im Anzug und auf Jacques Villeneuve aufgepasst, als er noch Formel 1 Weltmeister war, das ist schon ein paar Jahre her. Das ist ein anderer Stil, als wenn Sie in taktischer Ausrüstung in der offenen Heckklappe eines Geländewagens sitzen und durch die Wüste fahren. Erzähler: Die Konferenz soll dazu dienen, das Thema: 'private Sicherheitsdienste' in die deutsche Öffentlichkeit zu bringen, sagt mir der Veranstalter später. Einige Vorträge werden live im Radio übertragen. So auch die Analyse Ernst Uhrlaus, des BND- Präsidenten. O-Ton Uhrlau Angestellte der US-Sicherheitsfirma Blackwater sollen am vergangenen Sonntag im Auftrag des US-Außenministeriums in einem Konvoi durch Bagdad gefahren sein. Als es in der Nähe ihrer Fahrzeuge zu einer Explosion gekommen sei, hätten sie zu schießen begonnen. Dabei sollen acht Iraker getötet und 13 verletzt worden sein. Erzähler: Nach diesem Vorfall vom 16. September 2007 fordert die Irakische Regierung, dass Blackwater das Land verlässt - was nicht geschieht. Uhrlau weist auf die Gefahren hin, die demokratischen Staaten drohen, wenn sie private Militär- und Sicherheitsfirmen einsetzen: Die demokratische Kontrolle über die Außenpolitik könne verloren gehen. Denn Regierungen könnten mit Hilfe solcher Firmen in Konfliktgebieten Einfluss nehmen, ohne offiziell involviert zu sein. Die Regierung ihrerseits könne diese Firmen nicht wirksam kontrollieren, denn diese seien nur ihren Aktionären und Besitzern verantwortlich, nicht aber politischen Instanzen oder gar der öffentlichen Meinung. Private Militär- und Sicherheitsfirmen hätten die Neigung, Konflikte aus eigenem wirtschaftlichem Interesse zu überzeichnen und zu verlängern, um länger im Geschäft zu bleiben. Doch dann kommt Uhrlau zu einem überraschenden Schluss. O-Ton Uhrlau Private Militärdienstleister treten als Partner und Unterstützer an die Seite staatlicher Streitkräfte, ... als nicht mehr aufzuhaltender Trend. Angesichts des zu erwartenden Anstiegs der Nachfrage (..) wird einer sorgfältigen Auswahl von solchen Unternehmen eine erhebliche Bedeutung zukommen. Dies gilt für den Staat, der sich (..) deren Handeln zurechnen lassen muss. Erzähler: Private Militärdienstleister sind nicht mehr aufzuhalten, sagt der BND-Präsident. Er weiß es vermutlich besser als die meisten seiner Zuhörer. Länger als ein Jahr hat die deutsche Firma "BDB Protection" in Libyen eine Antiterror-Einheit trainiert, in einem Staat, wo Menschenrechtsverletzungen alltäglich sind. Der BND wusste darüber bescheid. Als Ausbilder entsandte die Firma ehemalige und noch aktive deutsche Polizisten, die sich für diesen Nebenjob beurlauben oder krankschreiben ließen. Erst im Frühjahr 2008 kam das an die Öffentlichkeit. O-Ton Uhrlau Es besteht weitgehender Konsens darüber, dass die Etablierung eines nationalen und internationalen Regulierungsmechanismus notwendig ist, der mehr Transparenz und Rechenschaftspflicht schaffen und menschenrechtsverletzende Einsätze verhindern soll und verhindern muss. Beifall Musik Erzähler: Die Libyen-Affäre ermöglichte der deutschen Öffentlichkeit einen kurzen Blick hinter den Vorhang, hinter dem die privaten Sicherheitsfirmen rege tätig sind. O-Ton Adam Es ist eine der wichtigsten, am dynamischsten wachsenden Wirtschaftsbranchen. Wir rechnen in Deutschland mit knapp 200.000 Beschäftigten. Erzähler: Rudolf Adam, einer der Referenten, ein früherer Vizepräsident des BND. O-Ton Adam Knapp soviel Polizisten und knapp soviel Bundeswehrsoldaten, wie wir in Deutschland haben, soviel Leute arbeiten inzwischen im privaten Sicherheitsgewerbe. Wachstumsraten in den letzten Jahren zwischen sechs und gut zehn Prozent, Jahresumsatz im Moment geschätzt auf gut vier Milliarden Euro. Erzähler: Diese Statistik umfasst Werkschützer, Ladendetektive, Sicherheitspersonal in Flughäfen und Fußballstadien, Geldtransporter. Aber auch Männer, die schwer bewaffnet in Krisengebieten operieren. Musik Zitator 1: Wir beraten und unterstützen: Regierungsorganisationen, Nicht- Regierungsorganisationen, Unternehmen, anspruchsvolle Privatkunden. Wir suchen: Soldaten ab vier Jahren Dienstzeit bei der Bundeswehr, einer anderen Nato-Armee, der Nationalen Volksarmee der DDR. Sondereinheiten bevorzugt! Asgaard German Security Guards GmbH Zitator 2: Schießausbildung! Zitator 1: Für Soldaten und Behörden, denen ein Einsatz in Krisengebieten bevorsteht. Zitator 2: Lagetraining als Einzelschütze und im Trupp Zitator 1: Schießen beim Personenschutz Zitator 2: Diese Ausbildung vermittelt alle erforderlichen Grundlagen über den Feuerkampf. Zitator 1: Für aktive und werdende Personenschützer und Security-Mitarbeiter. Zitator 2: Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein! Zitator 1: Lehrgangsgebühr: 510 Euro, Anzahlung: 200 Euro Sicherheitsakademie Berlin Zitator 2: Wir stehen Ihnen weltweit und rund um die Uhr mit unseren Spezialisten zur Verfügung. Unsere Mitarbeiter sind Sicherheitsbeamte mit weit reichendem Erfahrungspotenzial aus den Spezialeinheiten GSG 9, von den Kommandospezialkräften der Bundeswehr, aus den Sondereinsatzkommandos der Polizei, vom Bundeskriminalamt, vom Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst. Result Group, München Musik Erzähler: Als der kalte Krieg zu Ende ging, wurden weltweit zwischen sechs und sieben Millionen Soldaten arbeitslos. Dick Cheney, US-Verteidigungsminister von 1989 bis 1993, verminderte die US-Armee von 2,2 auf 1,6 Millionen Soldaten. Noch radikaler war der Truppenabbau im ehemaligen Ostblock. Hier sank die Zahl der Soldaten während der 90er Jahre um 2,6 Millionen. Die Nationale Volksarmee der DDR hörte auf zu existieren. Und die Bundeswehr hat heute noch nicht einmal halb so viele Soldaten unter Waffen wie 1990. Der "Krieg gegen den Terror" in Afghanistan und im Irak eröffnete den Firmen die bisher größten Chancen. Nicht weniger als 600 Privatfirmen unterstützen die USA heute im Irak. Sie bauen Camps, waschen Uniformen, kochen Essen, entsorgen Müll, holen Nachschub aus Jordanien oder Kuwait. Größtes Unternehmen hier ist "Kellogg Brown & Root", eine Tochter des Halliburton-Konzerns, der von Dick Cheney geführt wurde, bis Cheney als Vizepräsident ins Kabinett George W. Bushs eintrat. Andere Firmen bewachen Armee-Kommandeure, Geschäftsleute und Politiker, sie bilden irakische Polizisten und Soldaten aus, sie stellen Verhörspezialisten, auch im Gefängnis Abu Ghuraib. Zusammen beschäftigen diese Firmen im Irak rund 180.000 Menschen. An regulären Soldaten haben die USA 158.000 dort stationiert, 22.000 weniger. Musik Erzähler: Dann finde ich in der Zeitschrift des "deutschen Bundeswehrverbandes" eine Anzeige: Zitator 1: Militär- und Sicherheitsberater gesucht! Zitator 2: Voraussetzungen: Zitator 1: Ehemaliger Soldat in der Offizier- oder Feldwebellaufbahn Zitator 2: Langjährige Erfahrungen als Einheitsführer und Ausbilder Zitator 1: Auslandserfahrungen im Rahmen von Einsätzen Zitator 2: Englisch in Wort und Schrift Erzähler: Ich rufe den Mann an, der diese Anzeige aufgegeben hat und lasse mir sagen, dass er zu einem Interview nicht bereit ist. Aber ein Gespräch ohne Mikrophon kann er sich vorstellen. Atmo 4 Zwei Männer unterhalten sich, unverständlich, von ferne aufgenommen. Erzähler: Ich treffe ihn in seinem großzügigen Büro am Stadtrand von München. Ein hagerer Mann mit kräftigem Händedruck. Er war Hauptkommissar beim Sondereinsatzkommando der bayerischen Polizei und gab diese Stellung im Alter von 39 Jahren auf. Das war nach dem elften September 2001, den Anschlägen von New York. Viele Menschen hätten damals Angst bekommen, sagt der Mann, sogar in Deutschland. Unternehmen hätten sich nach Fachleuten umgesehen, die sie in punkto Sicherheit beraten können. Darin sieht der Ex-Kommissar seine Chance. Er will deutschen Investoren im Ausland Sicherheit bieten. Seine Leute beraten gerade zwei deutsche Firmen in Afghanistan. Sie entwickeln Sicherheitskonzepte und bilden afghanische Wachleute aus. Und die Anzeige: "Militärberater gesucht", frage ich. Als er sie aufgab, sagt der Ex- Kommissar, habe etwas Größeres in der Luft gelegen: Ausbildung von Polizisten in einem arabischen Land. Da sei erstmal nichts draus geworden. Von denen, die sich auf die Anzeige gemeldet haben, übernehme er jetzt einige in seine Kartei. Da seien fast 200 Männer drin, alles ehemalige Polizisten und Elitesoldaten. Fest angestellt habe er 27. Firmen aus den USA hätten 7000 Festangestellte, vergleicht er. "Die kriegen ja auch Staatsaufträge! Wir nicht." Aber, sagt er zum Schluss, seine Verbindungen zu den Behörden seien gut. Zum Bundeskriminalamt etwa oder zum Bundesnachrichtendienst. Man kennt sich halt. Zu seinen Beratern zählt er einen ehemaligen Präsidenten des Verfassungsschutzes. Ich verabrede mich mit Herfried Münkler. Er ist Politologe an der Berliner Humboldt- Universität, aber er berät auch Spitzenpolitiker, wenn es um Krieg und Frieden geht. Er soll den Hintergrund der Frage beleuchten. Wir reden über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, der nun schon seit 2002 andauert - ohne Erfolge. In der Öffentlichkeit wurden jedenfalls keine wahrgenommen. Aber 26 Soldaten sind dort bislang gestorben. Wenn plötzlich mehr Tote zu beklagen sind, was wären die Konsequenzen? O-Ton Münkler Die Politik und die Parlamentarier würden das nicht akzeptieren, dann würde das Ganze auf Rückzug hinauslaufen. Weil das so ist, kann man sich nicht mit den Rauschgiftbossen, also den Warlords in Afghanistan anlegen, ( ... ) die ihre Bestände immer wieder auffrischen, indem sie Gelder aus dem Rauschgifthandel reinstecken. Die können ein Camp auch richtig mit Granaten belegen, dann würden ganz andere Verluste eintreten, also kann man (..) die Ernten nicht vernichten, man kann die Warlords nicht festnehmen, kann ihre Entourage nicht entwaffnen, ( ... ) das ist eigentlich ein konzeptionelles Desaster, aber wenn wir das ändern wollten, ( ... ) dann müssten wir sehr viel höhere Verluste riskieren, das können wir nicht. ( ... ) Das ist das Dilemma, und das weiß eigentlich jeder. Eine Gesellschaft, die so wenige Kinder hat wie die unsrige, die kann auch keine Opfer bringen. Sie hat nichts. Erzähler: Für Volk und Vaterland starben in den Weltkriegen Millionen Soldaten. An diese heroischen Zeiten erinnern die Kriegerdenkmäler. Doch heute wachsen in Europa keine Helden mehr nach. Herfried Münkler hat den Begriff der "postheroischen Gesellschaften" in die Debatte eingebracht. O-Ton Münkler In Europa sind zwar die Gesellschaften postheroisch geworden. (..) Wir sind in ähnlicher Weise religiös erkaltete Gesellschaften, aber an unserer Peripherie gibt es Gesellschaften, die heiße Gesellschaften sind, bei denen der Anteil der unter 18- Jährigen 50 Prozent und mehr ist, und Gesellschaften, die auch religiös glühen. In denen also nicht nur die materielle Befähigung zum Opfer, sondern auch die individuelle Bereitschaft zum Opfer über religiöse Vorstellungen - oder Transformierung religiöser Vorstellungen in politische Ideologien - zentral ist. Das ist unser Problem, wenn wir mit denen in Konflikt geraten. Erzähler: Wir, religiös gleichgültig, reich, technisch versiert, führen Krieg gegen arme, kinderreiche, gläubige Muslime. Ein Albtraum. Aber die Politik-Berater und Spitzenbeamten, die ich treffe, sind gewöhnt, mit Albträumen vernünftig umzugehen. O-Ton Münkler: Die Alternative dazu ist der Ankauf von militärischer Arbeitskraft, die nicht wesentlich aus unseren Gesellschaften stammt, sondern wo in hohem Maße die jungen Männer anderer Gesellschaften angekauft und verbraucht werden. Erzähler: Von den 180.000 Angestellten der privaten Sicherheits- und Militärfirmen, die im Irak für die USA arbeiten, sind nur gut 21.000 Amerikaner und Bürger anderer Industriestaaten. 118.000 sind Iraker. Und etwa 43.000 kommen aus armen Weltgegenden: Chile, Uganda, Fidschi-Inseln, Kolumbien, El Salvador. O-Ton Münkler Also die Rückkehr des Söldnerwesens in die Militärgeschichte, eine Rückkehr, die man nicht für möglich gehalten hat, nachdem (..) die europäischen Söldner im Gefolge der frz. Revolution verschwunden sind. Die letzten Söldner waren die Schweizer Regimenter, die den französischen König gegen die Revolution tapfer verteidigt haben. ( ... ) Aber danach galt eigentlich: Nur Landeskinder sind geeignet, ihr Land zu verteidigen. Damit verbunden: Der Schub an Demokratisierung nach innen, ( ... ) der hat dazu geführt, dass für fast 200 Jahre die Söldner (..) aus der zentraleuropäischen Geschichte verschwunden sind. Jetzt kehren sie aber breit zurück. Erzähler: Sie kehren auch nach Deutschland zurück. Sie bauen ihre Strukturen auf. Aber, ich kann sie nicht finden! Musik Erzähler: Dann erreiche ich die Sekretärin der Firma "SecureWorldwide Limited". Nicht in ihrem Dresdener Büro, sondern auf einem Flugplatz, weit außerhalb der Stadt. Wieso? Heute sei Fahrtraining für angehende Personenschützer, antwortet die Sekretärin, sie sei schon zweimal mitgefahren! Und, frage ich, wie war's? Toll! Wie bei Verfolgungsjagden im Kino! Wir kommen überein, dass ich auch mal mitfahren darf. Ich schlage vor, erstmal den Chef zu fragen. Der steht neben ihr und ist einverstanden. Ich gehe sofort zum Bahnhof. Atmo Gespräch und Gelächter auf dem Flugplatz Erzähler: Ein unwirtlicher Ort. Hier starteten und landeten früher Kampfflugzeuge der sowjetischen Armee. Ihre Hangars sind in riesenhaften Maulwurfshügeln versteckt. Am Rand des Flugfelds warten zwei schwere, dunkelrote Limousinen und die Kursteilnehmer: Roland, Inhaber einer kleinen Sicherheitsfirma, Yvonne, seine junge Angestellte, und drei ehemalige Zeitsoldaten der Bundeswehr, die meine Visitenkarten nehmen, aber noch nicht einmal ihre Vornamen preisgeben. Etwas verspätet kommt Andreas Giesen, Fahrtrainer und Leiter der Dresdener Niederlassung von "SecureWorldwide Limited". Phosphoreszierende Warn-Weste, rote Mütze, gute Laune. O-Ton Giesen Dann machen wir Fahrzeug-Check eins, wenn das Fahrzeug kurze Zeit unbeaufsichtigt war, nicht wahr, Erzähler: Die angehenden Personenschützer umrunden die Autos. Yvonne findet unterm Reifen ein flaches, knapp handtellergroßes Stück Plastik, das der Trainer zuvor unbemerkt dort hingeschoben hat. O-Ton Giesen Wie funktioniert das? Teilnehmer: Butterfly-Mine, wird abgeschmissen, in Vietnam damals. Giesen: Nicht nur in Vietnam. Teilnehmer: Reißt einem, glaube ich, nur einen Fuß ab. Giesen: Ja, von wegen! Im besten Fall reißt es einem nur den Fuß ab. Im schlimmsten Fall geht das Ding bis in Gesichtshöhe. Reicht vollkommen aus, das drunter zu legen unters Rad, kann man im Vorbeigehen mal schnell machen und geht weiter, reicht vollkommen aus, um den Tank zu beschädigen und ein wunderschönes Feuer zu machen. Erzähler: Dann rollen die beiden Limousinen hinaus auf die graue Betonfläche des Flugplatzes. Ich spiele die Schutzperson und sitze bei Roland und Yvonne. Die ehemaligen Soldaten wollen lieber unter sich sein. O-Ton Giesen Schutzpersonenfahrzeug! Ausweichübung, zu zweit. Okay? Roland: Okay. Sie sind angeschnallt? Ja. (..)Roland: Wir fahren jetzt an. Szenario ist: Fahrbahn ist verstellt, wir werden ausweichen auf die Gegenfahrbahn, zurückstoßen und weg, während das Begleitfahrzeug uns nach hinten sichert. Atmo Auto beschleunigt, Reifenquietschen Erzähler: Viele Personenschützer sind ehemalige Zeitsoldaten. Die Bundeswehr finanziert ihnen die Ausbildung zum Ende ihrer Dienstzeit. Roland schert nach links aus und bremst heftig. Neben uns kommt das Auto der Soldaten zum Stehen. Während Roland, so schnell es der Wagen zulässt, rückwärts fährt und wendet. O-Ton Roland Wir sind ja in erster Linie ein reines Fluchtfahrzeug. Wir müssen weg. Das andere Fahrzeug deckt uns und kämpft. Auto-Atmo weiter Erzähler: Unter den Wachschutzleuten verdienen die Personenschützer am besten. Aber Traumgehälter gibt es nur in Kriegsgebieten. Andreas Giesen lehnt sich ins Fenster. O-Ton Giesen Sehr schön gefahren, danke! Fahrzeugwechsel, okay? Jawohl! Atmo außen, Autos von ferne mit Reifenquietschen Erzähler: Als mein Magen sich beruhigt hat, stelle ich mich neben Andreas Giesen, der das Fahrtraining vom Rand des Flugfelds aus dirigiert. Er ist Anfang 40, hat fünf Kinder und diente jahrelang in Übersee bei einer militärischen Spezialeinheit, bei welcher - das soll geheim bleiben. Nachdem er dort ausschied, arbeitete er im privaten Sicherheitsgewerbe in England, Tschechien und im Irak. Sein jetziger Arbeitgeber, die Firma "SecureWorldwide Limited" unterhält Büros in Prag, London, Dresden und Dubai. Sie bietet ihren Kunden den Schutz von Personen und Veranstaltungen und vermietet gepanzerte Limousinen. In Dresden bildet sie Arbeitslose zu Wachleuten aus, korrekt ausgedrückt: zu Schutz- und Sicherheitsfachkräften. Diesen Geschäftszweig pflegen viele deutsche Sicherheitsfirmen, denn die Nachfrage nach Wachleuten ist groß. Giesen hilft den Absolventen seiner Kurse bei der Arbeitssuche. Die meisten bleiben in Deutschland und Europa, einer ging im Dienst einer Hilfsorganisation nach Afghanistan, sagt Giesen. Atmo Gespräch und Gelächter auf dem Flugplatz Erzähler: Das Fahrtraining ist zu Ende, wir sitzen mit den Kursteilnehmern im Flughafenbüro. Hier steht ein Kaffeeautomat. Die ehemaligen Bundeswehrsoldaten sind bereit, mir Fragen zu beantworten. O-Ton Mike ... war Feldjäger, sechs Jahre, Streifenbegleiter, Enddienstgrad war Stabsunteroffizier bei Ausscheiden dann. ( ... ) Hab drei Auslandseinsätze hinter mir gebracht, zu Beginn in Bosnien, weiter im Kosovo und dieses Jahr noch mal in Afghanistan. Erzähler: Er nennt sich O-Ton Mike Erzähler: 26 Jahre alt, vierschrötig. O-Ton Kai Ich war neun Jahre bei der Bundeswehr gewesen, Zeitsoldat, war in der Grundausbildungskompanie gewesen, (..) als Gruppenführer ( ... ) Fr.: Dienstrang zum Schluss? Oberstabsgefreiter. Ich war in drei Auslandseinsätzen, einmal in Bosnien-Herzegowina, zweimal im Kosovo. Erzähler: Sein Name: O-Ton Sie können Kai zu mir sagen. Erzähler: Klein, breitschultrig, 33 Jahre alt. O-Ton Kai Ich (..) habe selber viel miterlebt innerhalb der Militärpolizei oder in Zusammenarbeit mit der Militärpolizei allgemeine Bewachungsaufgaben, (..) Begleitung bei Konvois oder als Kommandeursfahrer. Haben Sie im Moment eine feste Stelle? O-Ton Mike: Im Moment nicht, nein. (..) Ich möchte mich jetzt privat auf den Level des Personenschützers bringen, dass ich im Zivilen dann als Personenschützer arbeiten kann. Man bringt gewisse Vorkenntnisse mit. Ich hab bei der Bundeswehr eine Qualifizierung gemacht bezüglich dieses Sicherheitsfahrens und das ist von Vorteil, wenn man sich bewirbt, auch die Feldjägerei natürlich. Es ist ein Gewerbe, das mich sehr interessiert, man hat dieses Sicherheitsdenken, was bei mir sehr gut ausgeprägt ist, wird ständig gefordert, der Job fordert einen persönlich sowohl körperlich als auch geistig, man muss die Augen immer offen haben, man muss sich konzentrieren, man darf nichts vergessen, von daher ist es ein sehr anspruchsvoller Job. (..) Und Autofahren macht Spaß, natürlich. Fr.: Schießen macht auch Spaß? Schießen muss man in weite Ferne stellen, das ist nicht das, was den Personenschützer ausmacht. Da spielen ganz andere Sachen erstmal rein, bevor es ans Schießen geht. O-Ton Kai: Selber bin ich über eine Firma angestellt, wir sind auf Konzerten und Veranstaltungen dabei, und ich versuche als Personenschützer in den privaten Sektor reinzukommen, was nicht so einfach ist, gerade hier in Deutschland. O-Ton Mike: richtig. Fr.: Sie haben ja jetzt das Militärwesen im Ausland gut kennen gelernt. Können Sie sich vorstellen, in so ein Land, wo solche Militäreinsätze stattfinden, als Privater zurückzukehren? O-Ton Mike: Auf jeden Fall. O-Ton Kai: Das wäre mir jetzt objektiv viel zu gefährlich. Wir nehmen jetzt einfach mal pauschal den Irak. Das wäre eine Sache, die mich (..) überhaupt nicht locken würde, weil ich möchte irgendwann noch mal mit heilem Fuße nach Hause kommen. ( ... ) Fr.: Sie haben die Leute kennen gelernt von Dyncorp und anderen privaten Gesellschaften, können Sie sich vorstellen, zu denen zu gehören? O-Ton Mike: Durchaus, warum nicht, warum nicht. Ist halt die Bezahlung, die da zählt, die ja nicht wirklich schlecht ist. Erzähler: US-amerikanische Firmen zahlen mehr als 500 Dollar pro Tag. Ein Wachmann in Berlin zum Beispiel verdient an einem Acht-Stunden-Tag umgerechnet 63 Dollar. Trotzdem zögert Mike. O-Ton Mike Also im Moment nicht, da ich im Moment gebunden bin, ( ... ) Fr.: Sie haben Familie? O-Ton Mike Ja, eine Frau. Fr.: Haben Sie Ihre Frau schon gefragt, ob sie das akzeptieren würde? O-Ton Mike: Wir haben das schon diskutiert und (..) das möchte ich meiner Frau nicht antun, es ist für sie schon schwer genug gewesen, jetzt die Zeit, die ich weg war, und das jetzt für längere Zeit, über ein Jahr das zu machen, das ist keine Option. Aber, wäre ich jetzt alleine, (..) auf jeden Fall. Musik Atmo Aegis-Leute schießen zu Elvis-Musik Erzähler: Auch dieses Video finde ich im Netz. Personenschützer filmen ihre Arbeit im Irak, während aus den Boxen ihres gepanzerten Autos ein Elvis-Song dröhnt. Es sind Angestellte der britischen Firma "Aegis Defence Services". Der Blick geht durch die Heckscheibe des fahrenden Autos, manchmal schwenkt der Lauf eines Sturmgewehrs durchs Bild. Wenn ein nachfolgendes Fahrzeug näher kommt, sind Schüsse zu hören. Die getroffenen Wagen trudeln, kommen an der Bordsteinkante zum Halten, einer prallt auf ein parkendes Auto, aus dem Menschen herausspringen und fliehen. Atmo Musik im Auto und Schüsse Erzähler: Ich besuche Dirk Grube an seinem Arbeitsplatz bei der Bodyguard Akademie in Lübeck. Ich kenne ihn schon von der Konferenz bei der Deutschen Bank. Er hat als Personenschützer auch im Irak gearbeitet. Ich frage ihn, was er von den Methoden Blackwaters und anderer Firmen hält. O-Ton Grube Ich will Blackwater auf keinen Fall an den Pranger stellen, (..) ich weiß, wie schwierig es ist für die Sicherheitskräfte, dort zu arbeiten, ( ... ) ohne dass es zu irgendwelchen Zwischenfällen kommt. Das ist da kaum zu vermeiden, weil es halt der Irak ist. Es ist schwer (..) zu warten, bis ein Fahrzeug sich so weit genähert hat oder versucht, den Konvoi zu überholen, dann kann es schon zu spät sein. Da muss man Maßnahmen ergreifen, dass es nicht dazu kommt. Weil es schon oft vorgekommen ist, dass diese Fahrzeuge (..) entweder den Konvoi beschossen haben oder sich in die Luft gesprengt haben. ( ... ) Erzähler: Grube entging im Irak mit knapper Not einem Bombenanschlag. Der Sprengsatz detonierte nur wenige Minuten nachdem sein Konvoi ihn passiert hatte. O-Ton Grube Man muss wirklich schnelle Entscheidungen finden können, sehr schnelle Entscheidungen finden können, man muss mit diesen Entscheidungen auch leben können. Das ist ganz wichtig. Weil solche Entscheidungen auch endgültig sein können. Ob ich den Finger krumm mach oder nicht, das kann nur ich entscheiden. Erzähler: Mit zwei anderen Deutschen war Grube bei einer Sicherheitsfirma unter Vertrag. Die beiden arbeiten wieder im Irak, Grube nicht. O-Ton Grube Es ist schwer, mit Familie in dem Beruf operativ zu arbeiten. Erzähler: Er hat zwei Kinder. Ich frage ihn, ob er aus einer Soldatenfamilie stammt. O-Ton Grube Ja, ein bisschen. Polizeilicher Hintergrund bei meinem Opa. ( ... ) Opa war Polizeioffizier (..) in Travemünde. Wenn ich meinen anderen Opa auch noch angucke, ich denke schon, da ist was weitergeben worden. ... . Okay, der war eigentlich Landwirt, hat aber in den Kriegsjahren andere Aufgaben übernommen. Er war in Russland unterwegs und hat da seine Erfahrungen gesammelt. War von seiner Art her ein sehr straighter und disziplinierter Mann. Fr.: Wehrmachtssoldat? Ja. Fr.: Offizier? Ja. Erzähler: Grube ist jetzt "Projektmanager" der Bodyguard Akademie. Er akquiriert Schutzaufträge in unsicheren Weltgegenden. Gerade kommt er aus Nigeria zurück, wo die Firma ein Büro eröffnet hat. Sie entwickelt das Sicherheitskonzept für eine neue Produktionsanlage im Nigerdelta mit Überwachungskameras, elektronisch lesbaren Ausweisen, Werkschutz. In den Vereinigten Arabischen Emiraten bildet die Firma private Wachleute aus, aber auch eine Polizeibehörde sei interessiert, sagt Grube. Dort bestehe eine Niederlassung der Lübecker Firma. O-Ton Grube Das ist die Bodyguard Akademy Consultancy, (..) das ist ein Free Zone Establishment, der Sitz ist in Shargha, in den Vereinigten Arabischen Emiraten. In den Ländern, wo ich in den letzten zwei Jahren war: Philippinen, Dubai, Nordirak, Nigeria haben wir festgestellt, dass (..) der Ruf deutscher Qualität immer noch sehr hoch ist. (....) So wie es die Deutschen im Ausland verkaufen, das funktioniert auch noch: Mit Disziplin, Qualität, Zuverlässigkeit, das ist immer noch da. Erzähler: In Deutschland schult die "Bodyguard Akademie" Kaufhausdetektive und einfaches Wachpersonal, aber auch die Stars der Branche: Personenschützer für Kriegs- und Krisengebiete. Die Grundausbildung kostet rund 6.000 Euro, Aufbaukurse vier bis 5.000. O-Ton Grube Wenn wir (..) auf die Schießbahn gehen, auch Langwaffen schießen, dann sind fünf - bis 10.000 Schuss Munition an einem Tag weg. In den Fortgeschrittenen- Ausbildungen haben wir zwei bis drei Kfz, die ausfallen, nach den Ausbildungen, die neu angeschafft werden müssen. Weil wir auch Sachen wie Abdrängen von Fahrzeugen, Durchbrechen von Fahrzeugsperren machen. ( ... ) es wird sehr, sehr viel Praxis gemacht. Erzähler: Für solche Trainings mietet die Firma ehemalige Truppenübungsplätze an. Grube berichtet mir von einem ehemaligen Feldwebel der Bundeswehr, der sich im Auftrag der "Bodyguard Academy" gerade im Bürgerkriegsland Kolumbien aufhält. Er bilde dort Polizisten und Soldaten zu Personenschützern aus. Atmo Fans, Filzen am Weserstadion Erzähler: Wenige Wochen später kommt der Feldwebel aus Kolumbien zurück, und es gelingt mir, mit ihm in Kontakt zu kommen. An einem Tor des Bremer Weserstadions, kontrolliert er die Fans. Sie dürfen keinen Alkohol, keine Waffen oder Laserpointer mit hineinnehmen. Atmo Erzähler: Er trägt eine rote Jacke mit dem Logo der Sicherheitsfirma auf dem Rücken. Die meisten Fans treten schon mit erhobenen Armen auf ihn zu. Er tastet sie rasch ab, lässt Taschen und Rucksäcke öffnen. Atmo In einer lauten Kneipe, ohne Musik Erzähler: Abends treffen wir uns in einem Bierlokal, wo Anhänger von Werder Bremen ihren Sieg über den Hamburger Sportverein feiern. Der Feldwebel hat bei den Panzergrenadieren gedient, war im Kosovo und Afghanistan eingesetzt. Heute am Weserstadion hatte er einen bescheidenen Stundenlohn. Er will fünf oder sechs Jahre als Personenschützer oder Ausbilder in Krisengebieten arbeiten. Er ist verheiratet, hat zwei kleine Kinder. Er will ein schönes Auto kaufen und für die Familie ein Haus bauen. Mehr erfahre ich nicht über seine Motive, obwohl wir lange in der Kneipe sitzen. Auch seine Telefonnummer oder E-Mail-Adresse gibt er nicht preis, noch nicht einmal seinen Vornamen. Er will sich überlegen, ob er mir ein Interview gibt. Über einen Mittelsmann, der mit am Tisch sitzt, halten wir Kontakt. Ich denke mir Fragen aus und schicke sie ihm. Er kann im Interview anonym bleiben, sichere ich ihm zu. Erzähler: Dann reißt die Verbindung plötzlich ab. Auch der Mittelsmann antwortet nicht mehr auf meine Mails, geht nicht ans Telefon oder lässt sich verleugnen. Wochen später höre ich: Der Feldwebel arbeitet - unter Vertrag bei einer britischen Sicherheitsfirma - bei Falludscha. Die Stadt wurde bekannt, als irakische Freischärler dort vier Blackwater-Angestellte töteten. Eine Volksmenge zündete ihre Leichen an, schleifte die verkohlten Rümpfe durch die Straßen und hängten sie an den Bögen der Euphrat-Brücke auf. Danach bombardierte die US-Armee die Stadt und eroberte sie Haus für Haus. Das war im April 2004. Jetzt ist Falludscha von der amerikanischen Armee abgeriegelt. Der Bremer Feldwebel führt einen Trupp ugandischer Wachleute, die das US-Lager sichern. Musik Erzähler: So wie die "Bodyguard Akademie" versuchen auch andere deutsche Firmen, auf dem internationalen Mark Fuß zu fassen - wo sie Zwerge sind im Vergleich zu den angelsächsischen Riesen. Die deutschen Firmen bekommen noch keine deutschen Staatsaufträge für Auslandseinsätze. Aber fast alle, die ich traf, prophezeiten, dass der Bundeswehr bald die Luft ausgeht. Dirk Grube. O-Ton Grube Irgendwann ist man am Ende seiner Ressourcen. Wenn jetzt irgendwo ein anderes Krisen- oder Kriegsgebiet dazukommt, wo die Bundeswehr sich engagieren muss, ( ... ) da wird die Bundeswehr sagen: Halt, okay, bestimmte Bereiche an Ausbildung lassen wir einfach machen. Und vielleicht lassen wir bestimmte Dienstleistungen einfach machen: Wir können nicht mehr hunderte Soldaten nur für den Schutz des Objektes zur Verfügung stellen. Erzähler: Tatsächlich hat die Bundeswehr bereits Leistungen ausgelagert. Private Firmen betreiben heute den Fuhrpark, waschen die Uniformen, kochen das Kantinenessen und pflegen die Computernetze. Flugzeuge einer russischen Firma schaffen Panzer und Lastwagen der Bundeswehr nach Afghanistan. In den Lagern dort sind Müllentsorgung und Kantinendienste Aufgaben von Privatfirmen. Im Wesentlichen sind es heute nur Soldaten, die bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr Waffen tragen. Wird das so bleiben? Oder wird etwa in Parteien und Ministerien bereits an eine stärkere Beteiligung der Privaten gedacht? Auch hier ist es nicht leicht, Gesprächspartner zu finden. Das Thema ist noch ein Tabu, und niemand möchte in den Verdacht geraten, er rede Firmen wie Blackwater das Wort. Schließlich erfahre ich, dass Spitzenbeamte des Außenministeriums den Einsatz von Privatfirmen befürworten, auch wenn es darum geht, ausländische Polizisten zu schulen. Nähere Angaben darüber in dieser Radiosendung zu machen, wird mir von der Pressestelle des Außenamtes verwehrt, sie weist auch darauf hin, dass die offizielle Haltung der Bundesregierung eine andere ist. Aber: Als die Firma BDB Protection von 2005 bis 2007 Ghadaffis Antiterrorkräfte trainierte, war die Botschaft in Tripolis und damit das Außenamt von Anfang an informiert. Weder ist das Ministerium dagegen eingeschritten, noch hat es den Vorgang bekannt gemacht. Die Aktion sollte geheim bleiben. Im offiziellen staatlichen Auftrag hätten deutsche Polizisten die Antiterrorkämpfer des Libyschen Diktators nicht ausbilden dürfen, das hätte die Öffentlichkeit sicher nicht akzeptiert. Für heikle Aufgaben scheinen Privatfirmen unentbehrlich zu sein. O-Ton Grams In diesem Bereich ist in der Tat eine Entwicklung im Gange, die den Schluss nahe legt, dass die Rolle dieser Unternehmen wichtiger werden wird. Die Cleveren von denen (..) versuchen, sich in eine Struktur einzusortieren, sind denkbar als Kooperationspartner. Die, die im Geschäft sein wollen, werden für Transparenz sorgen müssen. Was ihre Strukturen angeht, (..) von wem bekommen sie Geld, und was tun sie. Was das Personal angeht, das sie nutzen. Wenn sie diese Transparenz halten, sind sie denkbare Partner für begrenzte Aufgaben. ( ... ) Ob das eine Schutzaufgabe ist, Ausbildung, Logistik, Unterstützung der Bundeswehr. Erzähler: Christof Grams, Politikberater. Bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik ist er zuständig für die wörtlich 'Transformation der Streitkräfte des Sicherheitssektors'. Vielleicht ist das, was er beschreibt, schon längst geschehen, und deutsche Sicherheitsfirmen sind in vieler Herren Länder tätig, nur - es ist noch nicht publik geworden. In diese Richtung deutet ein Antrag, auf den sich die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD im Frühjahr 2008 geeinigt haben. Er trägt den Titel: Zitator 2: Nichtstaatliche militärische Sicherheitsunternehmen kontrollieren Erzähler: Im Text heißt es: Zitator 2: Private Sicherheitsunternehmen, Militärfirmen, Mietarmeen erleben in bewaffneten Konflikten einen kontinuierlichen Aufschwung. Erzähler: Und an anderer Stelle: Zitator 2: Ein striktes Verbot ist nicht durchsetzbar. Erzähler: Die Abgeordneten fordern statt eines Verbots, dass die deutschen Firmen sich registrieren lassen und ihre Vertragsabschlüsse offen legen müssen. Rolf Mützenich, federführend auf Seiten der SPD-Fraktion. O-Ton Mützenich Es ist einfach ein Raum, der sich offensichtlich so rechtsfrei entwickelt, dass wir einschreiten müssen. Wir müssen es rechtlich regeln. Und es bleibt dann der Bundesregierung übeantwortet, wie sie das dann am besten fasst. Erzähler: Aber die Abgeordneten verlangen auch, Zitator 2: dass Auslandseinsätze privater militärischer Sicherheitsunternehmen im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland an dieselben Regeln gebunden sind, wie sie für Auslandseinsätze der Bundeswehr und deutscher Polizeikräfte gelten. In Klammern: Parlamentsvorbehalt. Erzähler: Hier wird erstmals eine Idee formuliert, die bisher undenkbar schien: Der Bundestag könnte private Militärfirmen ins Ausland entsenden. O-Ton Mützenich Mir ist ganz wichtig, dass wir deutlich machen, dass die Bundesregierung nicht in der Lage sein darf, auf solche Dienstleister zurückzugreifen, ohne dass sie sich eine politische (..) Legitimation beim Souverän geholt hat, beziehungsweise bei dessen Vertretern, beim Parlament, ( ... ) darauf kommt's mir an. Erzähler: Befürchtet der Abgeordnete, dass Spitzenbeamte der Ministerien mit privaten Sicherheitskräften im Ausland agieren? O-Ton Mützenich Das weiß ich nicht, ob das allein die Ministerialbürokratie ist. Auf der anderen Seite habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Ministerialbürokratie schnell dazu neigt, politische Kontrolle (..) zu umgehen, (..) weil man glaubt, schneller handeln zu können. Musik-Akzent Erzähler: Die Libyen-Affäre und dieser Antrag der beiden Regierungsfraktionen läuten das Ende eines Tabus ein. Denn nun wird über private Militärfirmen als Helfer der deutschen Außenpolitik debattiert werden, nicht nur im Bundestag. Herfried Münkler. O-Ton Münkler Ja, es ist ein Tabu, und im Augenblick ist es für uns auch noch ein Berührungstabu. Etwas, womit wir uns sauber halten wollen von bösen Einflüssen. ( ... ... .) Ein Tabu hält uns von etwas fern, wovon wir sagen: Sobald wir damit in Berührung kommen, haben wir uns ein für alle mal verunreinigt. Und es gibt gute Gründe zu sagen: Das halten wir aufrecht. Denn wenn man sich erst mittel- und langfristig mit privaten Militärfirmen eingelassen hat, dann werden darüber Strukturen entstehen, in denen diese privaten Anbieter die Erfordernisse ihres Gebrauchs auch organisieren. Das heißt, sie werden sicherstellen, dass immer hinreichend Nachfrage nach ihnen da ist. ( ... ) Wir geben Geld dafür aus, dass es ein florierendes Gewaltgewerbe gibt. Das fände ich eine furchtbare Vorstellung, vor der mir graut. Man kann mit einer Reihe von Maßnahmen versuchen, sicherzustellen, dass das nicht der Fall sein wird. Aber die Dynamik eines kapitalistischen Betriebs wird alle diese Grenzen hinwegschwemmen. Es mag sein, dass das die Zukunft ist, ( ... ) aber ich finde das keine schöne Vorstellung. Musik/Atmo Absage Sicherheit made in Germany Ex-Soldaten im Dienst privater Militärfirmen Ein Feature von Michael Weisfeld unter Mitarbeit von Matthias Berg Die Sprecher waren: Marc-Oliver Bögel, Bijan Zamani, Gerd Anresen, Andreas Szerda und Florian Hecker Ton und Technik: Dietmar Rözel und Waltraud Gruber Regie: Tobias Krebs Redaktion: Wolfram Wessels Eine Produktion des Südwestrundfunks mit dem Deutschlandfunk und dem Saarländischen Rundfunk 2008. 29