DEUTSCHLANDFUNK Redaktion Hintergrund Kultur / Hhörspiel Redaktion: Ulrike Bajohr Tel. (0221) 345 1503 FEATURE "keine Angst, ich mache keine schlimme Tat" Hauptschüler rappen über ihr Leben - Feature von Almut Schnerring und Sascha Verlan Regie und Produktion: die Autoren Redaktion: Ulrike Bajohr Sprecher: Gregor Höppner URHEBERRECHTLICHER HINWEIS Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig. ? DeutschlandRadio Sendung:12. September 2008, 20.10 Uhr 1-Musik: Bektas - Danke instrumental, weiter unter den folgenden O-Tönen 2-Sarbast: Man muss ja nicht unbedingt dumm sein, um cool zu sein. 3-Helin: Ich bin immer so 'n Typ, der immer sucht und nicht wirklich weiß, was er will. 4-Seyma: Muss man eigentlich schon haben. Ende der 9. Klasse muss man schon 'n Ziel haben, denk ich mal. 5-Sarbast: Bildung ist eigentlich für mich sehr wichtig. Ohne Bildung kommt man nicht weit. 6-Seif: Und man schafft alles, wenn man dafür, also lang genug danach strebt. 7-Helin: Wenn ich mir was vornehme, dann schaffe ich es meistens auch. 8-Oliver: ... und wird, glaub, alles gut gehen ... bin ich mir ganz sicher. 9-Musik: yo, das ghettoleben ist ein geben und nehmen ich kann dich verstehn, wenn dir deine eltern fehlen doch das ist kein grund, den kopf in den sand zu stecken nimm keine drogen, drogen verändern menschen. (Seif - Ghettoleben, gerappt zum Instrumental von Bektas - 'Danke') harter Schnitt 10-Sprecher: "keine Angst, ich mache keine schlimme Tat" Hauptschüler rappen über ihr Leben. Ein Feature von Almut Schnerring und Sascha Verlan. 11-Musik: yo, mach ein ding aus deinem leben du musst schon nach deinem glück streben und lass dich nicht mit dem wind treiben lass dich nicht gehen irgendwann wir schon deine harte arbeit belohnt halt durch, irgendwann wird schon gekrönt versuch immer der boss zu sein komm schon, mann, hör auf zu weinen sei ein king, bleib ein king, sei kein kind versuch, was zu erreichen, und glaub mir du kannst es auch schaffen hör auf, dich zu streiten, dann kannst du 's auch schaffen bis ganz nach oben ... (Seif - Ghettoleben, gerappt zum Instrumental von Bektas - 'Danke') 12-Atmo: Workshop 13-Sprecher: Am Freitag um 11 Uhr 30 beginnt der Rap-Workshop. Wir treffen uns in einem Klassenzimmer der August-Macke- Gemeinschaftshauptschule in Bonn. Eine Gruppe 14-, 15- jähriger sitzt vor mir, aufgeregt, erwartungsvoll und überdreht. Was hat sie hierher geführt? Wie werden wir miteinander klar kommen? ... Jedenfalls warten sie darauf, dass ich ihnen beibringe, wie man rappt. Sie wollen Texte schreiben und sie zu Musik vortragen. Sie wollen so sein wie die großen Vorbilder auf VIVA und MTV. 14-Musik: 15- Sprecher: Zur Gruppe gehören drei Mädchen: Seyma, Salma und Helin, und acht Jungs: Hanan, Öczan, Ali, Anil, Mustafa, Sarbast, Seif und ... Jan-Oliver. Hmh ... doch noch ein Deutscher dabei? 16-Jan-Oliver: Naja, das ist so, meine Mutter wusste schon, hier in Deutschland, dachte die bestimmt, ein deutscher Name wird hier helfen, wird alles leichter sein. Alle älteren Cousinen und Cousins haben russische Namen. 17-Musik: es begann schon, als ich ein kleiner junge war das leben war hart, denn nichts war da jeder wusste, ich war ein russe schlechte erziehung, schlechte regeln, alles war schlecht (Jan-Oliver - Mein Vater, gerappt zum Instrumental von IV my People - 'Tant qu' mes gars en veulent') 18-Atmo: Workshop 19- Sprecher: 'each one teach one', ist einer der großen Leitsätze der HipHop-Kultur. Und genau das möchte ich hier machen, mein Wissen und meine Erfahrung weitergeben, vor allem aber meine Faszination für die Kultur, die mich bis heute antreibt. Im direkten Kontakt mit den Jugendlichen, eins zu eins. Ich bin gespannt, was mir die Schüler zu erzählen haben. Wie sie auf mich reagieren werden. Ich bringe Musik und jede Menge Raptexte mit, die Ohrwürmer und die Klassiker des Genres, mit denen ich mich seit vielen Jahren beschäftige, als Journalist, in Vorträgen und Workshops rund um HipHop. 20-Musik: 21- Sprecher: An einer Hauptschule unterrichte ich zum ersten Mal. Und vor mir sitzen also ausschließlich Jugendliche nichtdeutscher Herkunft ... Natürlich bin ich ganz offen, unvoreingenommen, völlig frei von jeglichen Vorurteilen ... dachte ich ... 22-Musik: welcome to the party zeig mir, was du drauf hast welcome to the party make a move, make a style, make a freestyle rap (Sarbast - Welcome to the Party, a capella) 23-Helin: Da ich selber gerne schreibe, dacht ich mir, das wär dann halt 'ne Abwechslung. Könnt ich mal 'n bisschen reimen. 24-Seyma: Ich wollte mal was anderes. Es kam mir so interessant vor. Weil andere Kurse, wusste ich, was man da macht. Und ich wollt mal hierher kommen und kucken, was man da macht, rappen, wie ist das, wie lernt man das? 25-Jan-Oliver: Viele Leute, Jugendliche, rappen auch für ihre Gegend, und da wollt ich auch mal kucken, wie das ist. 26-Susanne Kipp: Warum wir das machen wollten? Das Schulprogramm sieht immer vor, gerade Projekte, die wir starten, sollen zum Beispiel einen präventiven Charakter haben und ja, die Schüler natürlich weiter bringen. Und dann hab ich gesagt, okay, wenn die Jugendlichen Rap machen, wenn Jugendliche sich mit sich selbst beschäftigen, Texte entwickeln, dann ist das präventiv, weil sie in dem Moment was Tolles machen für sich, sich weiter entwickeln und ... 27-Atmo: Workshop 28-Musik: das ist meine heimat, da wo ich herkomme kuck uns an, wir sind vollkommen gut erzogen nicht so wie die anderen kuck uns an, wir haben keine tat das ist unser erster song über unsere heimat wir sind ganz verschieden, wir sind eine andere art hinter den bergen, da ist viel los kuck uns an, wir sind gnadenlos doch ich bin ehrlich und gut hier beweise ich würde und mut (Seyma - Heimat, gerappt zum Instrumental von Bektas - 'Danke') 29-Helin: Es war für mich sehr schwer, weil ich sowas noch nie gemacht habe, und ich selber auch sehr wenig Rap höre, so gut wie gar nicht. Und das war dann schon 'ne Erfahrung. 30-Seyma: Ich hab immer gesagt, ja, Sascha, ich kann das nicht. Und dann meintest du zu mir, nein, also du bist jetzt auf der Linie, das zu können. Ja und schon 'n bisschen Ahnung hab ich dann bekommen, war auch 'ne schöne Zeit für mich. 31-Helin: Und am Ende kam 'n ganz anderes Ergebnis raus, als ich mir vorgestellt hab und erhofft habe. Also ich dachte, da lern ich jetzt einfach nur rappen oder so, aber nein, ich hab also wirklich andere Sachen gelernt, gemerkt, wie ich eigentlich bin, dass ich schnell aufgebe, wenn ich einmal mir ein den Kopf setze, dass ich es nicht schaffe, dann schaff ich es auch nicht, denk ich mir immer. Und da du mir immer weiter geholfen hast, dann hab ich mir gedacht, ja, wie wär 's, wenn ich mal an einer Sache dran halte. 32-Musik: 33-Sprecher: Politik und Medien überschlagen sich fast täglich mit immer neuen Schreckensmeldungen über kriminelle Jugendliche mit "Migrationshintergrund", über Gewalt, Drogen und die Bildungsmisere an deutschen Schulen. Auf der anderen Seite streiten sich jugendliche Rapper und ihre Fans im Internet, wo in Deutschland das härteste, das echte Ghetto zu finden sei: Berlin - Neukölln oder Märkisches Viertel? Frankfurt Nordweststadt? Oder doch eher Köln Chorweiler? Köln-Porz? Und auch zwei Außenbezirke der Bundesstadt Bonn erheben Anspruch darauf: Tannenbusch und Medinghoven. 34-Helin: Wir sind hier nicht in der Bronx, wir sind in Bonn. 35-Jan-Oliver: Ja, wir sitzen hier in der Gegend vom Brüser Berg auf dem Spielplatz, und es ist schönes Wetter, warm, bewölkt, die Blätter sind grün. 36-Sprecher: Das ist Jan-Oliver, 15 Jahre alt, Russlanddeutscher, Migrant wie alle anderen der Gruppe, aber als Spätaussiedler hat er einen ganz anderen Hintergrund. Oliver ist ein schmächtiger Junge und immer in Bewegung. Ich habe das Gefühl, dass er Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren, Hauptschüler eben. Er hat gute Ansätze, aber er schafft es einfach nicht, einen Text zu Ende zu bringen ... so ist mein erster Eindruck. 37-Oliver: Na ja, ich hab einfach meinen Gedanken freien Lauf gelassen und erst mal alles in Stichworten aufgeschrieben und dann in Sätzen formuliert und in Reimen. 38-Musik: es begann schon, als ich ein kleiner junge war das leben war hart, denn nichts war da jeder wusste, ich war ein russe schlechte erziehung, schlechte regeln, alles war schlecht es war alltag, wenn man schläge bekam für keinen war 's spaß, für viele war es blutig mein vater war alkoholiker, jeden tag nur probleme die akten wurden mehr, und zuhause gabes schläge die tage wurden immer länger, die schläge immer schlimmer die haut immer röter, und da waren nch die bullen ich hab gesehen, wie sie meinen vater mit sich nahmen meine tränen brachen aus, als wenn ich von einem donner getroffen war (Jan-Oliver - Mein Vater, gerappt zum Instrumental von IV my People - 'Tant qu' mes gars en veulent') 39-Sprecher: Zum Interview bringt Oliver einen Freund mit, der still an seiner Seite sitzt. Traut er sich nicht alleine? Ich meine, wir kennen uns jetzt schon eine ganze Weile. Woher diese Unsicherheit? Fehlendes Selbstbewusstsein? Hauptschüler eben. Dabei hat Oliver einen der besten Texte geschrieben, über den Alkoholismus seines Vaters, häusliche Gewalt und die schwierige Trennung seiner Eltern. 40-Musik: mein vater war schlimm, der nachbar alarmiert die bullerei ich wusste nie, was ich machen sollte normalerweise war bei uns das ganz normal mit der zeit vergingen die jahre, die schlimmen tage aber jetzt egal, die tränen sind getrocknet meine mutter entschloss sich auszuziehen es ging nicht mehr anders, es gab keine andere lösung aus angst wurde alles anonym organisiert der tag war da, wo ich in der schule war ich bekam den anrufg, komm auf den parkplatz, ja aus neugier lief ich hin, weil ich sonst nie abgeholt worden war da sah ich meine mutter mit einem lächeln im gesicht sie sagte nix, sie wusste nicht, wie sie es uns erklären sollte aber ich begriff schnell, die fahrt war anders es ging nach bonn, an hardtberg und duisdorf vorbei da war die ausfahrt poppelsdorf, und das auto bog ab ich dachte nur, mein leben ist verkackt (Jan-Oliver - Mein Vater, gerappt zum Instrumental von IV my People - 'Tant qu' mes gars en veulent') 41-Oliver: Durch den Umzug gab 's dann immer Probleme zuhause. Und danach ging ich immer weiter runter mit der Schule und danach musste ich auf die Hauptschule. Und sobald wir hier weggezogen sind, hab ich mich sofort verschlechtert. Ganz anders war das da, ganz andere Abläufe, alles anders da. Dann bin ich hier auf die Hauptschule gegangen und hab mich dann auch wieder verbessert und jetzt komm ich, schaff ich die 10b. 42-Susanne Kipp: Ja, die Schüler, die jetzt in die 10b kommen, das ist immer auch bei uns das Erlebnis, die kriegen noch mal so richtig 'n Schub. 43-Sprecher: Susanne Kipp ist eine der beiden Sozialarbeiterinnen an der August Macke-Schule. Sie hat mich eingeladen, den Rap- Workshop zu machen und hat uns die ganze Zeit über begleitet: 44-Susanne Kipp: Vorher sind sie alle noch zusammen in diesen drei 9er-Klassen, und dann wird 's ja noch mal unterschieden, man kann fast sagen, selektiert. Und da kriegen die 10b-Schüler mit der Aussicht natürlich auf einen mittleren Bildungsabschluss und den möglichen weiteren Schulabschluss auch am Gymnasium, kriegen noch mal so richtig 'n Schub und ja, fühlen sich auch schon, glaub ich wichtig und ja perspektivenreicher. Und das erlebt man immer wieder, dass die 10b-Schüler, auch wenn sie in der 10b da zusammen geführt werden, also richtig, auch vom Verhalten, sag ich mal, auch von den Kopfnoten, das ist richtig in Ordnung bei den Schülern, die sind hilfsbereit, die sind pünktlich, die tun was für die Schule. 45-Oliver: Na beruflich will ich Tischler werden, mit Holz. Hab schon viele Praktikums gemacht, hat mir gut gefallen. 46-Sprecher: Olivers Erzählungen offenbaren einen jungen Mann, der klare Vorstellungen von seiner Zukunft hat. Und plötzlich ist da gar nichts mehr vom Klischee des Hauptschülers: 47-Oliver: Ich hab oft bei meinem Onkel geholfen, hat mir immer Interesse gezeigt. Und in der Schule im Technikbereich war ich immer gut, und dazu kam 's. Ich mach das nach der 10., mach meinen Realschulabschluss, dann fang ich die Ausbildung an. 48-Sprecher: Eigentlich ganz bodenständig. Er weiß, wohin er will. Und das gilt nicht nur für die Berufswahl, denn zu Olivers Zukunftsplänen gehört auch, dass er auswandern will, und zwar nach Kanada: 49-Oliver: ... weil da werden auch die Handwerker gesucht. Ich will auf jeden Fall hier meine Ausbildung fertig machen, den Meisterbrief, dann noch fünf Jahre arbeiten und dann erst. Erst mal Erfahrung sammeln und dann rübergehen. 50-Musik: Workshopatmo? 51-Sprecher: Immer wieder schauen andere Schüler zu uns ins Klassenzimmer herein und wollen wissen, was wir hier machen. Einer von ihnen ist Afrin. Er ist, wie ich später erfahre, Mitglied der MV-Rapper. - MV steht für Bonn- Medinghoven. - Afrin gehört zur Fraktion der selbsternannten Gangster-Rapper. 52-Musik: Afrin 53-Helin & Sarbast: - Mein toller Nachbar ... der wohnt hier bei mir um die Ecke. Das sind einfach Leute, die Aufmerksamkeit wollen und halt genau das präsentieren, was alle anderen von ihnen auch hören wollen. Ja das ist Ghetto ... - ... Genau so was sehen die gerade bei diesem Afrin, wie er aussieht, sein Verhalten, Körperhaltung. 54-Sprecher: Helin ist Kurdin. Als sie zwei Jahre war, flüchtete ihre Familie aus dem Irak, seitdem leben sie in Deutschland. Im Workshop versucht sie immer wieder, sich durchzumogeln. Mal hat sie ihr Textheft vergessen, dann wieder zeigt sie mir Texte, die sie aus dem Internet kopiert hat. Erst ganz zum Schluss fängt sie an, selbst zu schreiben: 55-Musik: der krieg in meinem land fing sehr früh an ich wusste nicht, was passiert ich wusste nicht, was ich machen sollte ich habe dafür keine worte das ist unbeschreibbar, das war zu hart es war schmerzhaft, doch jetzt bin ich froh denn ich habe es geschafft (Helin - Heimat, gerappt zum Instrumental von Bektas - 'Danke') 56-Sprecher: Ich möchte mit Helin außerhalb des Workshops ein paar Dinge besprechen, habe aber nur eine Festnetznummer, bestimmt die ihrer Eltern. Weil sie Kurdin ist, zögere ich, einfach so anzurufen. Irgendein fremder Mann am Telefon - bekommt sie dann vielleicht Probleme? Ich vergewissere mich bei Helins Freundin, um ja nichts falsch zu machen. 57-Helin: Also das ist immer der Eindruck von den Kurden, dass sie halt so streng sind und so ... nein, das ist eigentlich gar nicht so. Bei mir können auch Jungs zu Besuch kommen, wenn 's normale Freunde sind, das ist kein Problem, auch wenn mich jemand anruft, da sagt mein Vater nix, das ist überhaupt nicht schlimm, nein. 58-Sprecher: Woher kommt nur dieses Misstrauen? Ich kenne diese Menschen nicht, und bin doch bereit anzunehmen, dass sie ihrer Tochter Schwierigkeiten machen, wenn ich anrufe. Dabei hätte es schon gereicht, sie nur einmal zu fragen, mich für ihre familiäre Situation zu interessieren. 59-Helin: Auf jeden Fall, mein Vater ist auch schon 'n Vorbild für mich. Er hat vieles erlebt, er hat viel gesehen, wie Leute ums Leben gekommen sind, viel Trauer in seinem Leben gehabt. Und ich find 's super, ich weiß nicht, wie ich das beschreiben kann, dass er überhaupt noch so sein kann, wie er jetzt ist. Weil er hat so Schlimmes in seinem Leben gesehen, so was würde einen schockieren, also überhaupt psychisch verletzen oder überhaupt gar nicht mehr klarkommen mit sowas, und er kann damit klarkommen. Das ist sowas, wo ich denke, wow, er ist echt stark. 60-Musik: Afrin 61-Sprecher: Auch wenn sie seinem Auftreten kritisch gegenüberstehen, Afrins Medienpräsenz beeindruckt auch Helin und Sarbast - schließlich ist der Gangsta Rapper der "tolle Nachbar". Doch schnell wird klar, dass Afrin nur das bedient, was alle von ihm hören wollen. 62-Helin & Sarbast - Ich freu mich natürlich auch für ihn, dass er halt in 'ner Zeitung vorkommt, halt das soweit geschafft hat. Aber natürlich hätte ich mir eher gewünscht, dass er es auf 'ne andere Art versucht hätte, seine Texte halt nicht so radikal macht und seine kurdischen Wurzeln halt nicht so präsentiert, so auf 'ne Art, die negativ rüberkommt. - Aber genau das wollen doch die Menschen hören, was er die ganze Zeit sagt, und dies und das macht. Manche Leute, die rappen mit Leidenschaft, das wird nicht soviel beherzigt, als jetzt seine Schimpfwörter, seinen eigenen Stammbaum oder keine Ahnung zu erzählen. 63-Susanne Kipp: Es ist so, dass die Leute, die auffallen, also die auch in der Presse stehen, die auch mal so Auftritte haben, wo wir auch manchmal Hinweise bekommen von der Polizei über die Texte, die sind präsent. Ich habe jetzt direkt von unserer Schule auch schon Beispiele also jetzt von Schülern, die auch gerappt haben, und die nicht irgendwo schon vorbestraft sind oder 'n kaputtes Elternhaus haben, die genauso den Rap, also die Musikrichtung gesucht haben, um sich auszudrücken. Sie haben aber nicht die Präsenz in den Medien. Also die, die Präsenz haben, sind oft natürlich auch die, die dieses Klischee bedienen von kriminell, Ausländer oder Migrationshintergrund, männlich. 64-Seif: Ich kenn ihn auch persönlich, also ich kann sagen, nicht alles, was da drin ist, stimmt. Da wird eher irgendwelche Sachen erfunden, um es spannend zu machen, aber ich finde, das muss ehrlich gesagt gar nicht sein. 65-Helin&Sarbast: Was soll ich dazu sagen. Ich gehöre natürlich nicht dazu. Also sind vielleicht 'ne Clique, die halt sich daneben benehmen und immer noch dieses Image präsentieren wollen, wir leben im Ghetto, wir sind Ausländer und wir sind knallhart. Es ist nicht jeder so und ... ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, weil so ganz der Wahrheit entspricht 's natürlich nicht. 66-Seif: Es wird da einfach so groß geredet, um es interessanter zu machen. 67-Musik: 68-Sprecher: Zu meinem Workshop gehört auch Seyma, das Mädchen mit dem Kopftuch! Sie ist doch bestimmt auf der Hauptschule, weil die Eltern nicht mehr erlauben. Denn junge muslimische Frauen brauchen ja gar nicht mehr als Hauptschule für die Aufgaben, die für sie vorgesehen sind! ... 69-Seyma: Weil ich in der Grundschule nicht gut war, ich weiß auch nicht warum. Also öfters ist das so in der Grundschule. Ich war da noch Kind, wusste ja noch nicht so, wie wichtig die Fächer sind, man ist dann noch Kind, man nimmt das nicht ernst, also ich nahm das nicht ernst und dann, ich hatte zwei Vieren auf dem Zeugnis, deswegen bin ich hierhin gekommen, auf die Hauptschule. Aber jetzt läuft alles super. 70-Sprecher: Auch Seyma wird den Sprung in die 10b schaffen. Ihr nächstes Ziel ist der Realschulabschluss, dann eine Ausbildung als Mediengestalterin und danach ist alles offen. Vielleicht Abitur und studieren, sagt sie ... dass sie das schafft, kann ich mir gut vorstellen. 71-Seyma: Und mein Leben in 10 Jahren, ich werd bestimmt in 10 Jahren arbeiten, das denk ich mal, in meinem Beruf als Mediengestalterin, so träum ich mir das. Und vielleicht verheiratet, ja. Also ich stell mir 'n schönes Leben vor. Ich hoffe, es wird so. 72-Sprecher: Mir scheint, als hätte ich in meinem Workshop die Elite dieser Hauptschule. Und was ist mit all den anderen Jugendlichen, gewaltbereit, bildungsresistent und unwillig zur Integration? Kommen die nicht zu mir, weil sie mit mir, einem deutschen Bildungsbürger Ende 30 sowieso nichts zu tun haben wollen? Oder ist es womöglich nur eine kleine Minderheit, die das öffentliche Bild bestimmt? Wie viele harte Jungs gibt es eigentlich in so einer Hauptschulklasse? 73-Susanne Kipp: Problematische Jugendliche haben wir sicherlich so im Durchschnitt in jeder Klasse so 'n Drittel. Wo man wirklich sagen kann, wo 's zuhause Probleme gibt. Es geht jetzt nicht um das Thema Liebeskummer, da würde ich sagen, hundert Prozent kommen zu mir. Aber wenn 's um Probleme geht, die Jugendliche so wahrscheinlich auch alleine nicht lösen können, die andere Dimensionen auch haben, auch psychische Dimensionen, dann sind es vielleicht 'n Drittel in jeder Klasse ... so richtig kriminelle Jugendliche, wenn ich da auch noch mal 'ne Ziffer sagen sollte, sind vielleicht einer, zwei in jeder Klasse, aber auch nicht in jeder Klasse. Also das sind wirklich wenige, die dann auch 'ne Akte haben. 74-Musik: Afrin 75-Sprecher: "Hier will keiner Arzt werden", singen die MV-Rapper. 76-Sarbast & Helin: - Hm, weil 's keiner von denen schafft. - Sie haben einfach 'n falschen Weg gemacht. Sie hatten viele Möglichkeiten, was jetzt die Schule angeht oder sonst was, aber sie haben es nicht genutzt und wollten halt weiter den Coolen und den Macker hier spielen irgendwie und wie knallhart sie sind. Und deshalb haben sie sich auch schon von der Liste gestrichen. Und wahrscheinlich ist für die Schule machen und 'ne gute Ausbildung oder Arzt werden halt peinlich und halt nicht cool genug. - Ja, so sehen die das. Bei mir ist es genau andersrum. Für mich ist cool sein, eine gute Ausbildung haben, eine gute Stelle, ein guter Beruf, keine Ahnung, was im Leben zu erreichen. Nicht jetzt Sachen zu beschädigen oder Randalismus oder irgendwas kaputt zu machen. 77-Seyma: Ah, Streberin. Wenn man was für die Zukunft macht oder wenn man was erreichen will, dann ist man doch keine Streberin, find ich. Aber manche denken so, wenn man viel übt, wenn man viel arbeitet, gute Noten schreibt, dann ist man Streberin. Für die Coolen ist das so. Aber ich weiß nicht, wenn die Schule so ... keine Ahnung ... vielleicht hatten die in der Schule keine guten Zeiten gehabt, kann auch sein. 78-Seif: Wenn man zum Beispiel Streber zu mir sagt, das ist nix Schlimmes für mich, das hilft mir sogar noch weiter. Das ist dann ein Zeichen, dass ich was geleistet habe. Streber zu sein, ist gar nicht so schlimm. 79-Sprecher: Es gefällt mir, was ich da sehe, was sie mir erzählen, wie sie auf mich reagieren. Und nach einem halben Jahr gemeinsamer Arbeit ist die emotionale Bindung sehr stark geworden. Ich mag diese Jugendlichen, ich mag sie wirklich. Ihre Schummeleien, wie sie mir Texte von anderen unterjubeln wollen, ihre Versuche sich durchzumogeln. So ist das wohl, wenn es am Ende des Schuljahres Noten gibt. Denn auch dieser Workshop ist letztlich ein Schulfach. Wer sich dafür entschieden hat, muss dabeibleiben und sich messen lassen. Und außerdem ist es ungewohnt und sowieso nicht einfach für Jugendliche, ihre Gefühlswelt offenzulegen. Doch genau darum geht es im Workshop. 80-Musik: ich weine nur, weil ich dir nichts gutes tue Jeden tag geldprobleme, schulden und keine ruhe wann hört das alles auf, wann darf ich zu dir rauf oh lieber gott, bitte hol mich aus dieser hölle raus jeden augenblick verlier ich meine sicht schaue in den spiegel doch erkenne mich nicht ich erkenne mich nicht wieder, flieh in meinen träumen meine angst umgibt mich wie meterhohe zäune lady, wir haben genug gelitten, wir haben genug gestritten ich steh jetzt hier und möchte dich um verzeihung bitten alles wird vergehen, die wunden werden heilen alles wird gut, doch ein paar narben werden bleiben (Sarbast - War die Zeit, gerappt zum Instrumental von 'When Thugs cry') 81-Sprecher: Ich habe gleich zu Beginn des Workshops erklärt, was HipHop für mich bedeutet, habe deutlich gemacht, was mir wichtig, weit über HipHop hinaus. Ich habe Ehrlichkeit gegen falsch verstandene Authentizität gestellt, echte Gefühle gegen die Klischees eines Genres. Die Jugendlichen wissen also genau, was bei mir gut ankommt, und ihre Texte, die sie sich erarbeiten, klingen so, als hätten sie es verstanden und umgesetzt. - Oder machen sie mir etwas vor, und hängen an anderer Stelle den krassen Typen raus, immer genau so, wie es das Gegenüber erwartet? Auch nach einem halben Jahr gemeinsamer Arbeit bin ich mir nicht sicher. 82-Musik: 83-Sarbast: Wenn ich Rap-Texte schreibe, dann sind die von mir gemacht und sind dann ehrlich. Ich bin ja nicht so einer, der Rap-Texte klaut und nachmacht oder der ... ich sag immer: ich bin so, wie ich bin, ich rappe meine Texte, wie ich es kann. Ich will niemand nachmachen oder jemanden ... wie heißt das ... darstellen. Wenn für jemand das uncool ist, dann ist das halt so, aber ich glaube, für die meisten nicht. 84-Helin: Also ich find 's toll von Sarbast, dass er sich seine Karriere nicht schön lügen will. Also er sieht die Realität und lügt sich da nichts vor. Also die Leute, die das machen und hier irgendwas von Ghetto und was weiß ich was reden, sie bescheißen sich doch im Grunde selber. Sie wissen dass es nicht stimmt. Und sie lügen sich halt ihr ganzes Image halt voll, und ich weiß nicht, das finde ich halt so schade. 85-Seif: Also mich verstehen auch die Leute, die wirklich auch Frieden wollen. Also du kannst nicht ein Aufbaulied, so nenn ich das, also hören, wenn du, keine Ahnung, Beef mit irgendjemand anderem hast. Also die passenden Lieder hört man ja schon auch. Und viele, auch Jugendliche, auch zum Beispiel auf der Hauptschule, wollen sich auch nicht hängen lassen, dann hören die eher so meine Lieder. 86-Sarbast: Ja, das ist gut, mach weiter so, weil dadurch kann ich auch mein Deutsch verbessern. 87-Seif: Also der erzählt halt, wie das wahre, wirkliche Leben ist, also nicht wie die anderen, ja, hier nur Frauen, hier nur Geld. Der erzählt auch, du kannst alles, also der versucht so, dich 'n bisschen aufzubauen, also darum geht 's eigentlich. 88-Sarbast: Wenn man Texte selber schreibt, ist das so, als ob ich eine Deutscharbeit schreibe, ohne abzukucken. Nur ist das auf mich fixiert, und ich schreibe, was ich denke und ich fühle, nicht, was die anderen haben wollen oder was die anderen wissen. Deshalb ist es am besten, einen eigenen Text zu schreiben, dann ist man sicher und dann weiß man, was man sagt. 89-Helin: Ich find 's spannender. Ich find 's auch interessanter, jemandem zuzuhören, der was in seinem Leben erreicht hat. Und der vieles durchmachen musste, um jetzt da zu sein, wo er ist. Und wie steinig sein Weg war oder so, das interessiert mich schon, wie er es geschafft hat. 90-Musik: yo, das leben ist zu kurz, um immer traurig zu sein yeah, wird schon besser, hör auf zu weinen das traurigsein kommt und geht wie der wind leute verstehn 's nicht, die wollen immer mehr immer mehr, immer mehr, das geht hin und her ich versteh nicht, warum so viele auftauche sind sei doch ehrlich, das macht doch gar keinen sinn yeah, ich finde es so schade, dass die leute so wenig merken denn du stehst allein, und keiner kann dir helfen man merkt, dass man fröhlich war, dass man traurig ist doch es ist zu spät, keiner kann dir helfen jetzt außer du selbst (Seif - War die Zeit, gerappt zum Instrumental von 'When Thugs cry') 91-Sprecher: Das ist Seif. 10 Jahre alt war er, als er alleine mit seinem 12- jährigen Bruder aus Burundi nach Deutschland kam: ohne Eltern in eine fremdes Land, ohne ein Wort Deutsch zu können. Heute ist Seif 15, zwei Tanten leben noch hier in der Nähe, aber der Kontakt zur Familie in Afrika ist abgebrochen. Er lebt im einem städtischen Jugendheim. 92-Seif: Ja, Krieg, wie man schon von Afrikanern kennt ... Krieg ... da war 's nicht so schön. Also Landschaft war alles gut, aber es gab immer wieder so Kriege und so ... deswegen ... nur mein Bruder und ich sind hierher gekommen, und der Rest der Familie ist da geblieben ... na ja, es ist so, nicht jeder kann aus dem Land raus, und deswegen, glaube ich, hatten wir einfach Glück, kann man einfach so sagen, da rauszukommen aus dem Land 93-Sprecher: Seif ist die Lichtgestalt der Gruppe, vielleicht der ganzen Schule: er wird es schaffen, da sind sich alle sicher, ob als Profi-Fußballer, als Rapper oder irgendwie sonst, er wird es schaffen. Seif verkörpert für alle die Hoffnung, dass es möglich ist, von der Hauptschule nach ganz oben zu kommen, es trotzdem schaffen zu können, als Flüchtling und ohne Eltern, als Heimkind. 94-Seif: Zurzeit spiel ich in 'ner hohen Liga Fußball und kommende Saison spiel ich dann B-Jugend-Bundesliga. Und dann seh ich dann weiter. Also wenn ich B-Jugend sehr gut spiele, dann krieg ich auch Angebote, Internat, Fußball und so. Also wenn ich es schaffe in ein Fußballinternat nächstes Jahr zu kommen und zu sehen, dass ich da, also im Fußball eine Chance habe, Profi zu werden, dann glaub ich, nutz ich mal die Chance und versuch 's wirklich, Fußballer zu werden, und mach lieber dann eine Ausbildung oder so was. Aber wenn ich nicht Fußballer werde, dann ganz klar Abitur. 95-Musik: 96-Seif: Jetzt bin ich schon so gut wie fünf Jahre hier und ich kann sagen, ich hab hier sehr viel gelernt, bin auch selbständiger geworden in meinen jungen Jahren. Und ja klar, in manchen Situationen vermisst man das, dass ich nicht mehr zurück in meiner Heimat war die letzten Jahre, aber ja, ist nicht schlecht, ich hab den Deutschen hier viel zu verdanken, kann man das sagen? 97-Sprecher: Wenn ich mir die Lebensgeschichten meiner Workshop- Teilnehmer anschaue, da fänden sich genügend Gründe und Ausreden, warum sie sich unterkriegen lassen, warum sie abrutschen ins soziale Abseits. Wenn sie asozial und kriminell geworden wären, es gäbe genügend Erklärungen dafür: sie sind so geworden, weil ... der Vater gestorben ist ... weil sie geschlagen worden sind ... weil schon der Bruder kriminell ist ... weil ... weil ... weil ... die Medien sind voll von solchen Weil-Biographien. Und was will man schon sagen gegen das echte Leben? 98-Musik: 99-Susanne Kipp: Und das einzige, wo wir auch 'n bisschen Probleme haben, weil wir haben Kinder, die Geschwisterkinder haben, die jünger sind, dass sie die dann nachziehen. Und es gibt ja auch so Gruppierungen da oben, so Banden hieß das ja früher immer, also die nennen sich ja MV-Rappers und Brüser Berg Assis, so nennen die sich, dass die schon in Gruppen auftreten und da auch ihre Geschwisterkinder dann nachziehen. Und das heißt, Befürchtungen können bestehen, dass auch diese Geschwisterkinder in diese Richtung auch mit Diebstählen anfangen könnten, weil ihre Brüder leider diesen Weg gegangen sind. 100-Sarbast: Mein einer Bruder hat 'n Leben wie die anderen, wie ich gesagt hab, wie die Gangsters. Und mein anderer Bruder, der geht halt lernen und arbeiten. 101-Sprecher: Das ist Sarbast, Kurde mit syrischen Wurzeln, in Deutschland geboren. Als er zehn Jahre alt war, ist sein Vater gestorben. Und sein älterer Bruder entspricht dem Klischee, er gehört zu den Abhängern im Viertel. 102-Susanne Kipp: Und dann hat man schon wieder dieses Muster, also Migrationshintergrund, Hartz IV-Empfänger, dann meistens auch keine Chance auf 'ne Arbeit, keine Deutschkenntnisse, man hat so richtig ein Potpourri an Gründen, die auch richtig gut zusammen passen, wo man sagt, dann wird 's auch immer so sein, ja. Und ich glaube auch, wir wollen gar keine Ressourcen entdecken, weil wir haben so 'n Stempel drauf gemacht. Und der Stempel, das Paket, das wir geschnürt haben, ist aber soweit jetzt beherrschbar, so dass wir sagen, okay, so können wir damit umgehen. 103-Musik: 104-Sarbast: Ja, ich sag nur eins, wenn man was will, dann kann man 's auch schaffen. Das ist das einzige, was ich immer denke. Man muss nur den Mut dazu haben und das auch sagen zu können, dass ich nicht mehr dabei sein will. 105-Susanne Kipp: Da Ressourcen zu entdecken, ich glaube, da machen sich nicht so viele die Mühe, zu sagen, wir kucken drauf, wir versuchen es hervorzuholen, erleb ich jetzt auch an unserer Schule nicht so direkt. 106-Sarbast: Ich hab erst mal gesagt, das was ihr macht, finde ich nicht gut. Dann bin ich eigentlich meistens nicht dahin gegangen, bin ich immer woanders gegangen. Danach bin ich Fußball gegangen, in einen Fußballverein. Dann hab ich Kontakt zu denen gehalten, und so ist das erst entstanden. Ich kenn die noch, begrüß die auch noch, aber so mit denen abhängen tu ich aber nicht mehr. 107-Sprecher: Auch das ist so ein Bild, das fest in meinem Kopf sitzt: eine Bande lässt ihre Mitglieder nicht einfach so gehen. Die Strafen für Verrat sind drakonisch, und sich von der Gruppe zu lösen, das ist Verrat. Woher habe ich das? Aus eigener Erfahrung jedenfalls nicht. 108-Helin: Also kann ich mir auch gar nicht vorstellen, dass wenn jetzt einer irgendwie sagen würde, ich will jetzt nicht mehr zur Clique gehören, irgendwie verprügelt wird. Es ist klar, dass die was Falsches machen, und das wissen sie auch selber. Und wenn da einer schlau genug ist, dann lassen sie den auch gehen, weil sie wissen, dass er den richtigen Weg geht. 109: Sprecher: In einem ihrer Texte sagt Seyma: "habt keine Angst, wir machen keine schlimme Tat", sie wünscht sich, dass wir, die eingeborenen Deutschen, ihr nicht nur Schlechtes zutrauen. Und Sarbast rappt: "ich bin keiner, der mit den Mädchen ausgeht, sondern sie schlägt, weil das ist meine Pflicht." Seine Pflicht? Ja, erklärt er: das ist es doch, war wir, die Deutschen von ihm erwarten würden, dass er Frauen schlägt, dass er asozial ist, kriminell und all das. 110-Musik: es begann schon, als ich ein kleiner junge war das leben war hart, denn nichts war da jeder wusste, ich war ein russe schlechte erziehung, schlechte regeln, alles war schlecht (Jan-Oliver - Mein Vater, gerappt zum Instrumental von IV my People - 'Tant qu' mes gars en veulent') 111-Seif: Also ich finde, Medien erzählen auch einfach viel zu viel. Also viele, also Jugendliche, in meinem Alter sogar, sind auch schon kriminell und so. Ich finde, man muss auch nicht über Kriminelle reden, sondern über die anderen, die auch eine Zukunft haben wollen, vielleicht die dann unterstützen. Nicht sagen, ja, kuck der oder die, dann kommen schon so Beispiele raus, wenn ein Junge immer in der Zeitung ist wegen Kriminalität und sowas, dann sagt der andere wohl, ich will auch so in der Zeitung kommen. Lieber nicht so welche Leute als Vorbilder nehmen, sondern eher sollen die Medien die Kinder unterstützen und sagen, hey, der 14- jährige hat schon sein Abitur. Deswegen soll man eher die positiven als Vorbilder nehmen, obwohl das nicht so spannend ist. 112-Musik: 113-Sprecher: Wie frei bin ich denn, die Welt zu sehen, wie sie ist. Wie sehr bin ich in meiner Weltsicht eigentlich geprägt durch all die Bilder und Vorstellungen, die da tagtäglich auf mich einströmen? Auch nach diesem intensiven halben Jahr bin ich nicht wirklich frei. Noch immer misstraue ich meinen eigenen Eindrücken, suche nach Belegen für meine Vorurteile, dass die Welt eben doch so ist, wie sie in den Medien dargestellt wird, und dass meine Schüler eben positive Ausnahmen sind. Aber warum eigentlich? Ich war an einer Hauptschule, und das sind meine Erfahrungen. Ich will keine Geschichten davon erzählen, warum einer auf die schiefe Bahn geraten ist, ich will Geschichten erzählen von 14,15 jährigen, die glauben, dass sie 's schaffen können. Dazu brauchen sie Leute, die ihnen Selbstvertrauen geben und ihnen etwas abverlangen. Da helfen Klischees im Kopf nicht weiter. Ob ich den Jungs und Mädchen etwas beigebracht habe, was zum Happy Ende taugt? Ich weiß es nicht. Sie jedenfalls haben mir eine Menge mitgegeben. 114-Musik 115-Helin: Wir leben halt hier alle zusammen. Also zum Beispiel meine Klasse, das ist total gemischt, Deutsche, Türken, Araber, Afrikaner, also es ist eigentlich alles gemischt, und wir können auch alle zusammen gut damit leben, also ja. 116-Seif: Also viele sagen, ist Nachteil und du kriegst nirgendswo einen Job. Aber ich finde, wenn man was dafür tut, kriegst du ganz klar alles was du ... du musst nur dein Ziel verfolgen und halt nicht aufgeben, dafür kämpfen ... und man schafft alles, wen man nur lang genug danach strebt. 117-Musik: war die zeit für mich mit dir war die zeit für mich mit dir nicht herrlich nicht herrlich, und jetzt fehlst du mir leg deine hand auf mein herz ... mein herz spürst du nun diesen schmerz sei nicht traurig, bitte, bitte sei nicht traurig, girl (alle - War die Zeit, gerappt zum Instrumental von 'When Thugs cry') 118-Sprecher: "keine Angst, ich mache keine schlimme Tat" - Hauptschüler rappen über ihr Leben. Ein Feature von Almut Schnerring und Sascha Verlan. Wir bedanken uns besonders bei Helin und Seyma, bei Oliver, Sarbast und Seif, ohne Eure Offenheit wäre diese Sendung nicht möglich gewesen. Es sprach: Gregor Höppner Realisation: Die Wort & Klang Küche Redaktion: Ulrike Bajohr Eine Produktion des Deutschlandfunks 2008. 119-Musik: war die zeit für mich mit dir war die zeit für mich mit dir nicht herrlich nicht herrlich, und jetzt fehlst du mir (alle - War die Zeit, gerappt zum Instrumental von 'When Thugs cry') 3 Wort & Klang Küche ? Bornheim, den 20.10.2008 Seite von 19 Wort & Klang Küche ? Almut Schnerring und Sascha Verlan ? Telefon: 02227 - 907141 ? Rap in Medinghoven ?