Es war eine gute Berlinale! Ein schöner Jahrgang! Endlich, nach Jahren recht mittelmäßiger Wettbewerbe, hat Dieter Kosslick wieder den Mut gehabt, intensive Filmkunst und starke Geschichten ins Rennen um den Goldenen und die Silbernen Bären zu schicken.
Ist die Zukunft des Kinos digital? Was bedeutet die neue Technik für die Kreativen am Set? Fragen wie diese diskutiert der Schauspieler und Produzent Keanu Reeves in der Dokumentation "Side by Side", die auf der Berlinale Weltpremiere hatte.
Auf dem Programm der 62. Internationalen Filmfestspiele von Berlin standen neben Weltpremieren und deutschen Erstaufführungen auch filmhistorische Rückblicke. Der Münchner Publizist und Musikwissenschaftler Harald Eggebrecht hat sein Augenmerk vor allem auf sie gerichtet.
Vor über einem Vierteljahrhundert wurde der erste Teddy - der Preis für queere Filme - am Rande der Berlinale vergeben: an den Spanier Pedro Almodovar. Aus der Sponti-Veranstaltung von damals ist eine TV-taugliche Gala geworden, auf der sich die Community stolz in Szene setzt.
Schon jetzt gilt er als erfolgreichster philippinischer Independentfilm aller Zeiten: "The Woman in the Septic Tank" - so der merkwürdige Titel dieses Films, der bei der Berlinale für viel Gelächter gesorgt hat. Es geht darin um drei Filmstudenten, die davon träumen, einen Oscar zu gewinnen.
Zwei spanische Filme setzen sich mit dem Konflikt in der Westsahara, einer ehemaligen spanischen Kolonie, auseinander. "Los hijos de las nubes" (Die Söhne der Wolken) wurde von dem international bekannten spanischen Schauspieler Javier Bardem produziert. Er erzählt die Geschichte der Auseinandersetzungen seit 1975 bis in die Gegenwart.
Auch auf kulturellem Gebiet waren die Roten Khmer ein zerstörerisches Regime. Kaum etwas ist von der lebendigen Filmszene Kambodschas von vor der Diktatur übrig geblieben. Mit einer Filmreihe soll der Neubeginn unterstützt werden, sagt Forum-Leiter Christoph Terhechte.
In dem Melodram "Gnade" erzählt Matthias Glasner die Geschichte eines in Norwegen lebenden deutschen Ehepaars, das in einen tödlichen Unfall verwickelt wird - und Fahrerflucht begeht. Trotz der thematischen Schwere sei der Film am Ende "vor allem ein Fest, ein Feiern des Lebens", sagt Glasner.
In "Reporting a Revolution" haben ägyptische Reporter festgehalten, wie sie den Sturz von Präsident Mubarak erlebten. Besonders schwierig sei es für sie gewesen, eine professionelle Distanz zu den Demonstranten zu wahren, sagen die Produzentinnen Nora Younis und Kismet El-Syed.
Große Filmstars wie Leonardo di Caprio und Juliette Binoche sind bei Jean-Louis Rodrigue zur Schule gegangen. Genauer gesagt: in die Körperschule. Der 61-Jährige Marokkaner lehrt die Alexander-Technik, eine Atem- und Bewegungstherapie, die bei Schauspielern gefragt ist.
Die Situation von indigenen Völkern ist bis heute oft extrem schwierig. Als Filmthema ist das zwar nicht neu, aber auf der diesjährigen Berlinale-Sektion "Generation" fällt ein spezieller Zugang auf.
Manchmal sind es nicht die spektakulären Produktionen, die einen bleibenden Eindruck von der Berlinale hinterlassen - sondern die leisen, hintergründigen Filme. Einen davon hat der Regisseur Rosa von Praunheim gedreht - über den Comic-Zeichner Ralf König.
1992 wurden zwei Männer unweit der deutsch-polnischen Grenze erschossen - angeblich hatten die Jäger sie für Wildschweine gehalten. 20 Jahre nach dem Vorfall hat Philip Scheffner einen Film darüber gedreht - und erstmals die Familien mit der Wahrheit hinter dem Tod ihrer Angehörigen informiert.
Die Aktivisten der arabischen und nordafrikanischen Länder träumen von einer anderen Welt. Das spiegelt sich auch auf der diesjährigen Berlinale. Ein Schwerpunkt sind Filme vom arabischen Frühling - quer durch alle Sektionen, Genres und Länder.
Mit einem Film über eine 15-Jährige, die schwanger wird und ihr Kind behalten will, wurde Taraneh Alidoosti im Iran bekannt. Auf der Berlinale ist sie in einem neuen Film zu sehen. In den Kindheitserinnerungen der 28-Jährigen spielt ein Dorf in Deutschland eine wichtige Rolle.
Die Oscarpreisträgerin Meryl Streep wird auf den 62. Internationalen Filmfestspielen Berlin mit einer Hommage in der Retrospektive gefeiert. Kinogeschichte geschrieben hat sie mit Filmen wie "Kramer gegen Kramer", "Die Brücken am Fluss" oder "Jenseits von Afrika".
Nicht nur die Berlinale will umweltbewusster werden, auch die Filmindustrie selbst will weniger Energie verschwenden. Die BBC in Großbritannien ist einer der Vorreiter. An den Sets in Deutschland ist davon noch wenig zu spüren.
Bei der Berlinale gibt es in der Sektion Forum auch amerikanische Independent-Filme, Produktionen, die nicht viel kosten, und mit weniger bekannten Namen. Aber auch hier sind Ausnahmefilme entstanden - wie "Francine", "Kid Thing" und "For Ellen".
In "Was bleibt" sei der Fokus auf das Thema Familie gerichtet, erklärt Regisseur Hans-Christian Schmid. Dabei sucht er nach Konflikten: Er käme nicht auf die Idee, einen Film über eine glückliche Familie zu machen. Schmid war schon mehrfach auf der Berlinale: Mit "Lichter“, "Requiem“ und "Sturm“.
Vor zwei Jahren hat Ami Livne beim Berlinale Talent Campus sein erstes abendfüllendes Spielfilmprojekt vorgestellt. Nun feiert "Sharqiya" Premiere in der Panorama-Sektion: Brisant in seiner Kritik an Israels Regierungspolitik und doch "ein patriotischer Film", wie Livne sagt.
Drei japanische Regisseure zeigen auf der Berlinale Filme über die Folgen des Tsunami und der Atomkatastrophe von Fukushima 2011: Ein Bürgermeister ohne Stadt und Bilder aus der verstrahlten Zone um die Atomreaktoren.
Seit 1998 werden auf der Berlinale Filmschauspieler aus Europa mit der Shootingstar-Auszeichnung geehrt. Sie will damit talentierte Schauspieler der Öffentlichkeit und Filmproduzenten vorstellen. Aber was genau machen die Shootingstars auf der Berlinale?
Häftlinge in einem römischen Gefängnis proben Shakespares Tragödie "Julius Cäsar". Die Brüder Vittorio und Paolo Taviani haben den Entstehungsprozess dieser Inszenierung sechs Monate lang beobachtet - und machten daraus ihren Film "Cesare deve morire".
In diesem Studio wurde Filmgeschichte geschrieben: Keine andere Film-Produktionsstätte hat eine so wechselhafte und bewegte Vergangenheit hinter sich wie das Studio Babelsberg in Potsdam. Fünf politische Systeme haben in den 100 Jahren seit seiner Gründung ihre Spuren hinterlassen.
Drei Beiträge der diesjährigen Berlinale, die sich mit dem Thema Religion beschäftigen, laufen im Jugendprogramm des Festivals. Die Leiterin dieser Sektion, Maryanne Redpath, beobachtet, dass Jugendliche in Berlin "eine große Neugier" gegenüber religiösen Themen aufbringen.
Bollywood-Star Shah Rukh Khan spielt den Superbösewicht in "Don 2 - The King is Back". Bei der Berlinale feiert der Film Deutschlandpremiere. Die Erwartungen sind hoch: Es ist der erste indische Film, der flächendeckend in die deutschen Kinos kommt und für ihn flossen deutsche Fördergelder.
Fester Bestandteil der Berlinale ist das Forum Junger Film. In diesem Jahr werden im Forum drei Dokumentarfilme gezeigt, die sich mit der Reaktorkatastrophe und dem Tsunami in Fukushima befassen. Christoph Terhechte, Leiter des Forums, stellt diese japanischen Dokumentarfilme vor.
Er hat ein Gespür für die Spannung im Unspektakulären und für leise menschliche Töne: Bernd Lange schreibt Drehbücher - zuletzt für den Berlinale-Film "Was bleibt". Doch trotz des Festival-Rummels ist Lange kein Mann, der den Glamour sucht.
Workshops, Debatten, neue Netzwerke: Der Talent Campus bietet jungen Filmemachern einen Rahmen für produktive Begegnungen auf der Berlinale. Verantwortlich für das Nachwuchsforum ist der 34-jährige Holländer Matthijs Wouter Knol.
Heute Abend werden die 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin mit dem Film "Lebewohl, meine Königin" von Benoît Jacquot eröffnet. Das Revolutionsdrama konkurriert mit 17 weiteren Filmen im Wettbewerb um den Golden Bären. Die Jury wird geleitet vom britischen Regisseur Mike Leigh.
Keine furchtbaren Uniformen, Honecker-Porträts oder Stasi-Menschen in Kunstlederjacken - der Regisseur Christian Petzold will in seinem Bewrlinale-Beitrag "Barbara" keine Karikatur der DDR zeigen: "Wir müssen nicht nur über Sandmännchen und Goldbroiler reden".
Am 9. Februar ist es soweit: Der rote Berlinale-Teppich wird ausgerollt und Stars und Sternchen verleihen der Hauptstadt einen Hauch von Hollywood und Glamour. Mittendrin ein Mann, der die zehn Festivaltage über unermüdlich wirbeln wird: der Berlinale-Chef Dieter Kosslick.
Einen Film über die Wirtschaftskrise gebe es in diesem Jahr auf der Berlinale nicht, sagt Direktor Dieter Kosslick. Aber das Festival leiste einen Beitrag zur Versöhnung der Völker angesichts der vielen Stereotype, die wegen der Finanzkrise erneut auftauchten.
Deutschlandfunk
Seit 00:05 Uhr
Fazit
Nächste Sendung: 01:00 Uhr
Nachrichten
Deutschlandradio Kultur
Seit 00:05 Uhr
Klangkunst
Nächste Sendung: 01:00 Uhr
Nachrichten
DRadio Wissen
Seit 00:05 Uhr
Daniel Fiene und Herr Pähler
Nächste Sendung: 01:30 Uhr
Mein Tag Kompakt
Beiträge zum Nachhören
Deutschlandfunk
Nachruf auf den Chansonnier Georges Moustaki
Sendezeit: 23.05.2013, 23:51
Deutschlandradio Kultur
Kulturpresseschau
Sendezeit: 23.05.2013, 23:52
DRadio Wissen
Donnerstag Kompakt 23.05.2013
Sendezeit: 23.05.2013, 19:30
dradio-Recorder
im Beta-Test: