„Wir schreiben das Jahr 2032, Nano und Mü, zwei winzige Roboter, sollen im Kopf von Walter Dreisam, Bürgermeister der Stadt Hasenbach, einige Neuronen überprüfen. Dreisam hält unterdessen eine Rede. Mü vermutet, dass einige Synapsen falsch verkabelt sind und lässt sich von Nano den Lötkolben reichen. Jedoch Fehldiagnose. Plötzlich fängt Bürgermeister Dreisam an, Unsinn zu reden. „Das könnte Ärger geben“, sagt Nano, „lass uns schnell verschwinden.“ Und auch Mü meint, dass man wohl besser den Kortex hätte „flanschen“ sollen.
Eine witzige Idee, die nicht allein auf Pointe zielt, einige geschickte Überblendungen, starke Sprecher und charakteristische Geräusche (keine O-Töne) – so sieht eine „Wurfsendung“ aus, das von Deutschlandradio Kultur entwickelte Konzept des „Mini-Hörspiels“. Seit fünf Jahren werden diese Wurfsendungen unangekündigt ins laufende Programm geworfen und sorgen für irritierende, meist lustige Momente, kleine Auszeiten im Radioalltag. Jetzt sind 99 dieser Mini-Hörspiele auch auf CD erschienen (das 100. versteckt sich am Ende), und so kann man neben den Abenteuern von Nano und Mü auch allerlei andere skurrile Szenen nachhören.
Vom Nutzen des Schaums
Manchmal geht es da musikalisch zu. Dann singt zum Beispiel Thomas Pigor: „Du bist der Tubist, der du bist.“ Oder jemand erteilt eine akustische Gebrauchsanweisung zum Händefalten. Liebe, Eifersucht und Mord können eine Rolle spielen. Immer wieder setzen sich die Hörspiele auch mit den Unbilden des technischen Fortschritts auseinander. Andere erzählen von den Abgründen der telefonischen Marktforschung, von einem Spezialhelm, der die Gedanken beschützt oder von Herrn Behrlich und dem kleinen bärtigen Mann, der mal in seinem Briefkasten badet, mal in Herrn Behrlichs Schreibtischschublade ein Bleistift-Lagerfeuer entzündet.
Dann wieder wird es gar philosophisch, etwa wenn ein Kind sich nicht sicher ist, ob der entflogene und wieder eingefangene Vogel wirklich derselbe ist, weil „er sich selbst zu ähnlich sieht“. Den lakonischen Höhepunkt liefert der berlinernde Mann, der beim Frühstück entdeckt, dass die Handwerker eine Kartusche mit PU-Schaum liegengelassen haben. Da schäumt er erstmal einen leeren Joghurtbecher aus. Bald kann er auch die leere Kaffeekanne nicht mehr ertragen: Zisch! Dann gähnt ihn plötzlich der leere Fahrstuhl an… Schließlich betrachtet er seine Wohnung genau, rechnet, kauft Nachschub und freut sich darüber, dass man in den ausgehärteten Schaum – röhr! – so gut Gänge fräsen kann. So hat jeder seine kleine „Obsession“. Sei es auch, die Mini-Hörspiele zu hören.“
(von Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung)
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